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Rette sich, wer kann

Zum Artikel „Hamstern für den Katastrophenfall“ vom 16.  Dezember

Ich lebe mit meiner Frau in einer Drei-Zimmer-Etagenwohnung. Wenn ich den Ratschlägen des Bundesamtes für Katastrophenschutz folgen wollte, müssten wir ein Zimmer dafür reservieren, um Lebensmittel, eine Campingausrüstung, ein Chemie-Klo, 28 Liter Wasser und so weiter zu lagern. Außerdem sollte ich auf unserem Balkon Wasser auffangen können. Erschreckend ist, dass diese Ratschläge vom Technischen Hilfswerk kommen. Wenn schon diese Experten Privatleuten zu umfangreicher Privatvorsorge raten, dann ist es nicht gut bestellt um unsere öffentliche Daseinsvorsorge.

Ich dachte immer, dass wir in einem hoch entwickelten und stabilen Land leben. Jahrelang wurde uns vorgegaukelt, dass mit der Privatisierung der Infrastruktur alles viel besser würde. Beispiel Bahn AG: Es wurden Milliarden versenkt, aber die Infrastruktur ist so schlecht, dass Pünktlichkeit und Verlässlichkeit Wunschdenken sind. Die Privatisierung der Post hat zu weniger Briefkästen, höheren Gebühren und wesentlich schlechterem Service geführt. Mit viel Geld müssen ehemals gut funktionierende Einrichtungen zur Daseinsvorsorge mit Gütern wie Wasser und Strom zurückgekauft oder neu aufgebaut werden. Der vorsorgende Staat, der die Menschen schützen soll, blieb auf der Strecke. Und nun heißt es: „Hamstern für den Katastrophenfall.“

Angeblich gefährden Klimaveränderung und Digitalisierung die Versorgung der Bevölkerung. Das mag ja sein. Aber wenn diese Herausforderungen auf eine marode Infrastruktur beziehungsweise auf eine Struktur treffen, die statt auf Sicherheit auf kurzfristigen Profit ausgerichtet ist, dann sind wir umso mehr bedroht. Wir sollten als Bürgerinnen und Bürger einen Anspruch auf eine stabile öffentliche Daseinsvorsorge haben. Vollkommen unrealistische Handlungsempfehlungen lösen das Problem nicht.

Heinrich Brinker, Kirchheim

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