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Schäuble zündelt

Zum Leserbrief „Rückkehr zum gesunden Leben“ vom 11. Mai

Wolfgang Schäuble (CDU) gilt vielen als der alte weise Mann vom Parlament. Zu Unrecht. Sein jüngster Coup: Der Jurist hat in einem viel beachteten Interview das Grundrecht auf Leben in verletzende Konfrontation zum Grundrecht der Unantastbarkeit der Würde des Menschen gesetzt und damit beide relativiert. Zudem: Er meint, von seiner persönlichen Situation ausgehend (wie anmaßend ist das denn?), dass kranke Senioren weniger risikobehaftet seien als Jüngere, da ihr Leben naturgemäß früher enden würde. Was führt Schäuble im Schilde? Er will den coronabedingten Lockdown schnell überwinden. Nun, wer möchte das nicht? Viele Menschen, alt und jung, leiden. Doch kann man deshalb als Parlamentspräsident unverrückbare Werte öffentlich zur Disposition stellen? Nein, niemals!

Dass Menschen in Extremsituationen in der Praxis schon ganz anders gehandelt haben, um im Vertrauen auf unser Grundgesetz Gutes zu tun, steht auf einem anderen Blatt.

Das eigentlich Fatale aber ist, dass Schäuble bewusst Tabubrüche begeht, weit über die Coronakrise hinaus, um seiner viel weitreichenderen utilitaristischen Ideen willen. So ruft sein törichter Coup törichte Reaktionen anderer hervor, wie es sich im Leserbrief des Herrn Kromer offenbart, wenn dieser eben nun auf die von Schäuble feilgebotenen relativierten Grundrechte pocht und sich auch noch durch den Parlamentspräsidenten bestätigt fühlen darf: „Aufhebung aller einschränkenden Maßnahmen“, fordert Kromer. Dass der bisherige Kurs der Regierung viel Leid vermieden hat und keine Tragödien wie in anderen Ländern ausgelöst wurden, bleibt unerwähnt. Dass sich die Seuche jederzeit wieder unkontrolliert ausbreiten kann, ebenfalls. Wenn alle Deutschen so dächten wie Kromer, wäre das eine Absage an unsere solidarische Gemeinschaft.

Ulrich Haussmann, Kirchheim

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