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Schlange stehen für den Pieks

Corona Im Impfbus auf dem Ziegelwasen in Kirchheim erhalten fast 100 Menschen ihre Impfung gegen Covid. Eigentlich will das Land die Busse abschaffen. Jetzt gibt es Hinweise, dass sie weiter rollen dürfen. Von Antje Dörr

Rekordverdächtig: An einem Tag sind 95 Menschen im Bus geimpft worden.Foto: Carsten Riedl
Rekordverdächtig: An einem Tag sind 95 Menschen im Bus geimpft worden.Foto: Carsten Riedl

Du weißt vorher nie, wie viele kommen“, sagt Alexandra Grüb und wirft einen Blick auf die Schlange, die sich vor dem Impfbus aufgereiht hat. Es ist 15.15 Uhr. Der Impfbus steht gerade mal seit einer Viertelstunde auf dem Kirchheimer Ziegelwasen, und die Schlange der Impfwilligen ist bestimmt schon 100 Meter lang. Am Morgen in Oberboihingen, so Grüb, seien es nur 30 Menschen gewesen, die sich gegen Covid impfen lassen wollten. Termine werden nicht vergeben, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Grüb und andere Medizinische Fachangestellte der Malteser laufen die Reihe entlang und verteilen Aufklärungsbogen, fragen die Impfstoff-Wünsche der Patienten ab. Auch ein Dutzend Impf-Kritiker ist gekommen. Die Demonstranten halten Plakate mit Slogans wie „Impfen kann töten“ hoch. Einer hält eine Rede, in der er versucht, die Impfwilligen zum Umkehren zu bewegen. „Was wollen die denn hier?“, stöhnt ein Mann, der heute die erste Dosis erhalten wird. „Das ist doch jetzt wirklich fehl am Platz.“

Wer Menschen in der Schlange fragt, warum sie sich hier immunisieren lassen und nicht beim Arzt, hört immer wieder ähnliche Geschichten. Eine Familie aus Sri Lanka, die erst seit drei Monaten in Deutschland ist, berichtet, sie habe nicht bis Oktober auf einen Termin beim Hausarzt warten wollen. Eine Kirchheimerin, die mit ihrer betagten Mutter auf den Ziegelwasen gekommen ist, sagt, der Hausarzt habe der alten Dame nicht die Booster-Impfung gegen Covid verabreichen wollen. Stattdessen habe er sie zum Impfbus geschickt. Dieter Kemmner, ein Elektriker, berichtet, er sei in seiner Hausarztpraxis telefonisch wochenlang nicht durchgekommen. „Jetzt bin ich hier“, sagt er und zeigt das Pflaster auf seinem Oberarm. Auch Sammy, ein Taxifahrer, der mit Kemmner aus dem Impfbus steigt, hat beim Hausarzt nicht bekommen, was er wollte. „Ich wollte gerne die Einmal-Impfung, und die hatte er nicht.“ Ein Kirchheimer, der anonym bleiben möchte, sagt, er warte lieber an der frischen Luft auf seine Impfung als im Wartezimmer seiner Hausarztpraxis.

„Dranbleiben“, das Motto der baden-württembergischen Impfkampagne, steht auf dem Bus. Ende September soll jedoch Schluss sein mit den Impfzentren, so will es die Landesregierung. Die Nachfrage sei nicht mehr hoch genug, die Arztpraxen sollen die Impfungen gegen Covid übernehmen. Bisher ist geplant, dass auch die Impfbusse gestoppt werden. Manche in der Schlange wissen noch gar nichts davon. „Und wo soll ich dann meine Zweitimpfung herbekommen?“, fragt eine Frau fassungslos. Allerdings ist das letzte Wort offenbar noch nicht gesprochen. „Es ist Bewegung drin. Ich bin in Gesprächen mit den niedergelassenen Ärzten und dem Land“, sagt Malteser-Geschäftsführer Marc Lippe. Er sei optimistisch, dass es den Impfbus auch über den 1. Oktober hinaus geben werde.

„Dranbleiben“ heißt es auch an diesem Nachmittag. Um 15.45 Uhr ist die Schlange schon 150 Meter lang, und es geht langsam vorwärts. Sehr langsam. Darüber ärgert sich die Kirchheimerin, die mit ihrer alten Mutter gekommen ist. „Es wird so viel über Impfmüdigkeit gesprochen, und dann muss man hier so lange warten.“ Viele berichten, sie seien nicht aus freien Stücken gekommen. „Wir lassen uns impfen, weil wir befürchten, dass wir sonst bald nicht mehr reisen können“, sagt ein älterer Kirchheimer, der mit seiner Frau in der Schlange steht und anonym bleiben möchte. Wenn Corona so gefährlich sei, wie behauptet werde, hätte man eine Impfpflicht einführen sollen, findet er. Seine Frau ergänzt, dass es auch die Treffen mit dem achtjährigen Enkelkind seien, die sie zur Impfung bewogen hätten. „Durch die Reiserückkehrer in der Schule ist die Gefahr, dass er sich ansteckt, natürlich da.“ Auch der Elektriker Dieter Kemmner und Sammy, der Taxifahrer, fühlen sich zur Impfung gezwungen. „Man darf ja nicht mal mehr einen Kaffee trinken gehen“, schimpft Sammy. „Jetzt isch des Gift halt em Ranza.“

Um 16 Uhr ist die Schlange unverändert lang. Laut Fahrplan soll der Impfbus nur noch zwei Stunden auf dem Ziegelwasen stehen. „Wir sind optimistisch, dass wir alle impfen können“, sagt eine Medizinische Fachangestellte. Am Ende werden es 95 Menschen sein, die den Ziegelwasen mit Pflaster auf dem Oberarm verlassen. „Normal sind 50 oder 60 Impfungen an einer solchen Station“, sagt Malteser-Geschäftsführer Marc Lippe begeistert. Feierabend war um 18 Uhr allerdings noch lange nicht, weggeschickt wurde niemand. Bei einem solchen Andrang kommt die Besatzung des Impfbusses um Überstunden nicht herum. 

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