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Scholz kam doch und kam gut an

Wahlkampf Fast wären die Veranstaltungen mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz in Nürtingen und Esslingen ins Wasser gefallen. Mit leichter Verspätung zeigte er sich aber dann kämpferisch und ungewohnt lebendig.

Kommt er? Kommt er nicht? Zu guter Letzt kam er tatsächlich. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat das lange Zeit unmöglich Geglaubte fertig gebracht: Noch gegen Mittag stand er in Berlin dem Finanzausschuss des Bundestags Rede und Antwort. Und kurz nach 15 Uhr traf er in Nürtingen ein. Dort war er zwar bereits um 14 Uhr erwartet worden, aber dass er überhaupt kommt, damit war nicht unbedingt zu rechnen.

Schließlich hatte die Deutsche Presseagentur am Vormittag gemeldet, dass Scholz wegen der Anhörung in Berlin die Wahlkampftermine in Tübingen und in Nürtingen abgesagt habe. Lediglich den in Esslingen um 16 Uhr wolle er wahrnehmen. Im Organisationsteam von Nils Schmid, der wieder für die SPD im Wahlkreis Nürtingen antritt, liefen die Drähte heiß. Schließlich waren auf dem Schillerplatz bereits eine stattliche Bühne und Sitzbänke aufgebaut und auf dem Schillerplatz tummelten sich um 14 Uhr gut 200 Leute. Als Scholz dann nach 15 Uhr kam, dürften es an die 400 Zuhörer gewesen sein.

Und die erlebten einen Kanzlerkandidaten, dem man den Stress des Vormittags und die hektische Anreise nicht anmerkte. Leger, ohne Anzugjacke und Krawatte, stand er auf der Bühne. Angenehm fiel auf, wie gelöst Scholz auf der Nürtinger Bühne rüberkam. Der Kanzlerkandidat wirkte live viel lebendiger und sympathischer als beim dreimaligen TV-Schlagabtausch mit Baerbock und Laschet.

Was er zu sagen hatte, erfolgte angesichts des schmalen Zeitfens­ters in komprimierter Form und beschränkte sich im Wesentlichen auf die im TV-Triell gemachten Aussagen. „Wir sind gut durch die Krise gekommen und stehen vor einem neuen Aufschwung“, sagte Scholz im Blick auf Corona. Der nächste Bundeshaushalt werde wegen der Krise 400 Milliarden Euro zusätzliche Schulden aufweisen. „Das ist sehr viel Geld. Aber das kriegen wir hin.“ Umso mehr wundere er sich über den „merkwürdigen Vorschlag“ von CDU und FDP, die Steuern senken zu wollen. Das koste 30 Milliarden Euro und sei „unfinanzierbar“. Scholz: „Das ist unsolidarisch.“

Der Kanzlerkandidat will dafür sorgen, dass für Kinder künftig mehr Geld da ist. Deshalb ist ihm eine Kindergrundsicherung wichtig. „Ich will, dass in diesem Land nicht so viele Kinder in Armut aufwachsen.“ Auch die Ausbildungsförderung müsse neu aufgestellt werden, sagte er.

„Man muss sich das Leben in diesem Land leisten können“, sagte Scholz und war damit beim Thema teure Mieten angekommen. Die Bautätigkeit in Deutschland sei zum Erliegen gekommen. „Ich will, dass wieder mehr gebaut wird“, so Scholz. Statt derzeit 300 000 Wohnungen pro Jahr sollten 400 000 Wohnungen gebaut werden, davon 100 000 öffentlich gefördert. Und: „Man muss sich auf die Rente verlassen können“, rief er ins Publikum. „Wir brauchen Garantien - nicht nur für die älteren, sondern auch für die ganz jungen Leute.“ Er stehe für ein stabiles Renteneinkommen und schließe eine Anhebung des Renteneintrittsalters aus. Für Scholz ist es auch eine Frage des Respekts, Arbeit angemessen zu entlohnen. Deshalb will er einen Mindestlohn von 12 Euro auf den Weg bringen. „Das heißt, zehn Millionen Menschen bekommen dann mehr Geld. Das ist dringend notwendig.“ Wichtig sei auch, dass wieder mehr Tariflöhne gezahlt würden, auch in der Pflege.

„Wir müssen Sorge tragen, dass wir in 20 Jahren noch so viele Arbeitsplätze haben“, so Scholz. Die Leute sorgten sich, dass sich das ändern könnte. Es komme deshalb darauf an, Deutschland technologisch an die Spitze zu bringen. Dazu gehöre auch, den Klima­wandel aufzuhalten. „Wir ­wollen in 25 Jahren Klimaneutralität schaffen.“ Die Industrie ­benötige dafür deutlich mehr Strom aus ­erneuerbaren Quellen. Er ­wolle deshalb dafür sorgen, dass das Stromnetz gestärkt werde.

Mit einer Publikumsfragerunde endete schließlich die Nürtinger Wahlkampfveranstaltung mit Olaf Scholz, verabschiedet von Nils Schmid mit den Worten: „Es geht darum, das Machbare anzugehen. Wir brauchen einen Kanzler, der ein echter Macher ist.“

Danach ging es für Scholz ohne Pause weiter nach Esslingen, wo gut 1000 Zuhörerinnen und Zuhörer auf ihn warteten. Gegen 16.20 Uhr, also gerade mal 20 ­Minuten über der Zeit, betrat der hanse­atisch-kühl wirkende Scholz das Esslinger Podium und überraschte auch dort. Schönen guten Tach“, rief er gut gelaunt ins Mikrofon und bedankte sich für die „tolle Kulisse“. Damit hatte er auch hier schon gewonnen. Starker Applaus brandete auf, als er gleich zu Beginn ungewohnt emotional wurde: Angesichts so einer großen Unterstützung verstärke sich bei ihm das „Gefühl, dass ein großer Aufbruch möglich ist“.nz/ez

Auch bei seinem Auftritt in Nürtingen spürbar: Olaf Scholz ist ein routinierter Redner. Das Interesse an Olaf Scholz war enorm.
Auch bei seinem Auftritt in Nürtingen spürbar: Olaf Scholz ist ein routinierter Redner. Das Interesse an Olaf Scholz war enorm. In Nürtingen kamen mehrere Hundert Neugierige auf den Schillerplatz (Bild unten). Auf dem Marktplatz in Esslingen warteten sogar gut 1000 Zuhörerinnen und Zuhörer.Fotos: Jürgen Holzwarth
Olaf Scholz läuft, flankiert vom SPD-Landespolitiker Andreas Stoch (links) und dem SPD-Bundestagskandidaten Nils Schmid, in der
Olaf Scholz läuft, flankiert vom SPD-Landespolitiker Andreas Stoch (links) und dem SPD-Bundestagskandidaten Nils Schmid, in der Nürtinger Fußgängerzone ein.
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