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Schüler entdecken den Wald ohne GPS

Ferienprogramm Wer mit dem Kompass umgehen kann, findet den Weg auch dann, wenn das Navi versagt. Beim Junior-Ranger-Programm lernen Jugendliche, Touren zu planen und Abstürze zu vermeiden. Von Daniela Haußmann

Robin (links), Felix (Zweiter von links), Jonas (rechts) und acht weitere Schüler erfahren von Martin Gienger, worauf es bei der
Robin (links), Felix (Zweiter von links), Jonas (rechts) und acht weitere Schüler erfahren von Martin Gienger, worauf es bei der Orientierung im Gelände ankommt. Mit Kompass und Karte (unten) kamen schon große Entdecker wie Kolumbus und Vasco da Gama, der Indien entdeckte, zuverlässig ans Ziel.Fotos: Daniela Haußmann

An der Feuerstelle geradeaus, links am Gebüsch vorbei, mit eingezogenem Kopf unter den herabhängenden Ästen der Buche hindurch, und schon stehen Felix und Laurenz im Wald, der heute ihr Abenteuerspielplatz ist. Die beiden wollen lernen, wie sie sich ohne GPS-Navigationssystem in der Natur zurechtfinden. Deshalb nehmen sie an einer Exkursion für angehende Junior Ranger teil, die das Landratsamt Esslingen (LRA) zusammen mit dem Naturschutzzentrum Schopflocher Alb (NAZ) organisiert hat. Während Laurenz sich angemeldet hat, um eine weitere Pflichtveranstaltungen für das Junior-Ranger-Zertifikat zu besuchen, nimmt Felix einfach aus Interesse teil.

Die beiden Schüler stehen auf dem Waldweg im Schopflocher Forst, und ihr Blick wandert zwischen den Bäumen hindurch über grüne Pflanzen und Sträucher. Plötzlich taucht Martin Gienger auf. Der Ranger von der Unteren Naturschutzbehörde des LRA steht den Jugendlichen mit Rat und Tat zur Seite. „Wenn ihr die Orientierung verloren habt, dann geht am besten zurück zum Ausgangspunkt“, empfiehlt er. „Dort nordet ihr einfach die Karte neu ein.“ Gesagt, getan. Laurenz hält das Klappbrett mit seiner Wanderkarte waagrecht vor der Brust. Dann fängt der 14-jährige Göppinger an zu grübeln. „Halt, erst die Kompassrose auf Norden einstellen“, murmelt er. „Dann die Anlegekante des Instruments an eine Gitterlinie legen, die nach Norden zeigt“, flüstert Felix.

Der Kompass funktioniert immer

Kurz darauf dreht sich Laurenz mit Karte und Kompass so lange um die eigene Achse, bis die Magnetnadel nach Norden zeigt. „Gut gemacht. Jetzt stimmen Karten- und Landschaftsbild überein“, lobt Martin Gienger die beiden Gymnasiasten. Dank des kleinen Lineals, das sich an dem Kompass befindet, kann Felix die Entfernung zum Ziel ausmessen. „Zwei Zentimeter entsprechen nach diesem Kartenmaßstab 100 Metern in der Landschaft“, wie der 16-jährige Plochinger ausgerechnet hat. Mit schnellen Schritten geht es über die Wiese zurück in den Wald, wo der Weg über Stock und Stein zu einem Gebüsch führt. Zwischen den dichten Ästen entdeckt Laurenz einen durchsichtigen Beutel, in dem ein Zettel steckt, auf dem eine große Fünf zu sehen ist.

Während die anderen Exkursionsteilnehmer noch im Wald umherirren, wartet Jonas mit dem Beutel in der Hand darauf, dass es weitergeht. Der Schüler aus Schlierbach ist begeistert von dem, was er bei Martin Gienger lernt. „GPS ist gut und schön, aber es funktioniert längst nicht überall“, erzählt der 14-Jährige. „Für eine Standortbestimmung sind drei Satelliten nötig.“ Hügel, Berge oder ein dichtes Blätterdach können den Empfang stören, wie der Gymnasiast gelernt hat. „Wer mit Kompass und Karte umzugehen weiß, ist in solchen Fällen klar im Vorteil“, findet Jonas. Unterdessen werfen Laurenz und Felix wieder einen Blick in die Karte. Um zurück zur Feuerstelle zu kommen, könnten sie einfach der Nase nach durchs Unterholz laufen. „Aber man darf die Wege nicht verlassen. Zum einen, weil man dadurch seltene Pflanzen zerstören oder die Orientierung verlieren könnte“, so Laurenz. „Zum anderen, sind hier in der Karte Höhenlinien eingezeichnet. Deshalb weiß ich, dass es da hinten steil in die Tiefe geht.“ Höhenlinien verraten laut Martin Gienger aber noch mehr. „Ob zu Fuß oder mit dem Rad - wer eine Wandertour plant, kann“, dem Fachmann zufolge, „schon in der Karte erkennen, wie oft er bergauf oder bergab laufen muss und wie viele Höhenmeter dabei zu überwinden sind.“ Solche Informationen helfen, den Schwierigkeitsgrad einer Strecke zu bestimmen. „Damit ist schnell klar, ob sich die geplante Route für die körperliche Fitness von Einsteigern oder Fortgeschrittenen eignet“, betont Gienger. Jonas jedenfalls findet es toll, dass er heute Dinge gelernt hat, die so mancher Erwachsene nicht weiß. Auch, dass markante Punkte, wie riesige Felsen, Bäche oder Straßen, bei der Orientierung helfen. „Man kann die Strecke aber auch mit Steinhaufen oder Ästen kennzeichnen, um leichter den Rückweg zu finden“, ergänzt Martin Gienger, während die Exkursionsteilnehmer mit Beuteln voll neuer Hinweise aus dem Wald zurückkehren. Gemeinsam setzen sie sich ans Lagerfeuer und fügen die gesammelten Puzzleteilchen zusammen, die sie zu einer Schatzkiste führen, die Gienger ganz in der Nähe versteckt hat.

Erfolgsgeschichte im Landkreis Esslingen

In den vergangenen sechs Jahren hat das Junior-Ranger-Programm rund 6 000 Kinder und Jugendliche im Landkreis Esslingen erreicht. Das Angebot soll Schüler ab dem siebten Lebensjahr für die Natur vor der eigenen Haustüre begeistern. Daher untergliedert sich das Programm in drei Altersgruppen, in denen die Teilnehmer beispielsweise allerhand über das Ökosystem Wasser, den Lebensraum Wald oder den Naturschutz erfahren. Gleichzeitig lernen die Kinder und Jugendlichen so das Biosphärengebiet und den Geopark Schwäbische Alb mit seinen zahlreichen Naturdenkmälern kennen.dh

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