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„Sie kamen schnell wie der Teufel“

Konflikt Der Nürtinger Abdullah Habibi war in Kabul, als die Taliban die afghanische Hauptstadt einnahmen. Er konnte flüchten, seine Eltern nicht. Von Matthäus Klemke

Abdullah Habibi konnte Ende August seine Tochter Sama wieder in die Arme schließen. Foto: Matthäus Klemke
Abdullah Habibi konnte Ende August seine Tochter Sama wieder in die Arme schließen. Foto: Matthäus Klemke

Immer wieder verfolgen Abdullah Habibi die Bilder von bewaffneten Taliban und verzweifelten Menschen, die sich an startende Flugzeuge klammern. „Sie kamen schnell wie der Teufel“, sagt der 40-Jährige. Dass er selbst dieser Hölle entkommen ist, kann er kaum glauben. Es war Habibis zweite Flucht vor den Taliban. Bereits 2011 verlässt er seine Heimat in Richtung Deutschland. „Zwei Jahre lang war ich in Afghanistan als Dolmetscher für die britische Armee tätig. Natürlich heimlich.“

Irgendwann kann er seine Tätigkeit nicht mehr geheimhalten und bekommt einen Brief nach Hause. „Er war von den Taliban. Sie verlangten, dass ich mit der Arbeit für die Engländer aufhöre.“ Er flieht, lässt die Familie zurück. In Deutschland bekommt Habibi Asyl, 2012 dürfen auch seine Frau und seine Tochter einreisen. Im Nürtinger Roßdorf findet die Familie ein neues Zuhause, Habibi bekommt einen Job in Beuren und wird 2020 deutscher Staatsbürger. Das neue Leben läuft gut für die Familie.

Im August dieses Jahres trifft Abdullah Habibi eine folgenschwere Entscheidung. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich zurückgehe nach Afghanistan, aber meine Mutter wurde krank. Ich hatte meine Eltern zehn Jahre nicht gesehen und wollte es tun, bevor es zu spät ist.“ Am 1. August fliegt Abdullah Habibi nach Kabul. „Natürlich hatte ich Angst. Aber zu dem Zeitpunkt konnte niemand ahnen, was noch passieren sollte.“ Die erste Woche bei seinen Eltern sei noch schön gewesen. „Kabul war voller Leben, eine moderne Stadt.“ Ab der zweiten Woche kursieren erste Gerüchte in der Stadt. „Die Leute erzählten, dass die Taliban schon in der Nähe sind“, sagt Habibi.

Abdullah Habibis Rückreise nach Deutschland ist für den 18. August geplant. „Ich bin zum Reisebüro gegangen, damit ich früher zu meiner Familie nach Nürtingen kann.“ Im Reisebüro überzeugt man ihn davon, dass seine Sorgen unbegründet seien. Eine fatale Fehleinschätzung. Am 15. August nehmen die Taliban Afghanistans Hauptstadt ein. Das Gesicht Kabuls ändert sich schlagartig. „Es war plötzlich wie in einer Geisterstadt. Läden waren geschlossen, alle hatten Angst.“ Habibi ist klar, dass er und seine Eltern das Land so schnell wie möglich verlassen müssen. Zu dritt brechen sie zum Flughafen auf, lassen alles zurück.„Wir haben nichts mitgenommen. Einfach die Tür hinter uns abgeschlossen und sind los.“ Sie sind nicht die Einzigen.

„Insgesamt gab es drei Tore am Flughafen, durch die man hätte hineingehen können. Aber es waren Zehntausende Menschen“, sagt Habibi. Taliban versuchen die Leute an der Flucht zu hindern: „Sie haben die Menschen geschlagen und mit den Gewehren in die Luft geschossen.“ Panik bricht in der Menge aus. „Viele sind gestorben, auch Frauen und Kinder. Sie wurden totgetrampelt.“

Keine Zeit zum Nachdenken

Trotz seines deutschen Passes haben Abdullah Habibi und seine Eltern keine Chance, auf das Flughafengelände zu gelangen. Jeden Tag versuchen sie erneut ihr Glück - vergebens. „Am sechsten Tag kam ein Junge zu mir. Es war Samstag. Er sagte, er kenne einen anderen Eingang, der nicht von den Taliban bewacht wird und dass er ihn mir zeigt, wenn ich bezahle.“ Habibi zahlt 400 Euro. Der Junge bringt ihn und seine Eltern zu einem Tor, für das die britische Armee zuständig ist. Sieben Stunden lang harren sie aus. Abdullah Habibi hält ein Schild hoch, auf das er „Deutscher Pass“ geschrieben hat.

Es funktioniert. „Bundeswehrsoldaten haben das Schild gesehen und sagten mir, es gibt einen Flug am nächsten Tag und ich könnte mit.“ Seine Eltern jedoch nicht. Doch Abdullah Habibi möchte sie nicht zurücklassen. Er muss sich entscheiden. „Die Soldaten haben mich angeschrien: ,Willst du mit? Ja oder Nein?‘“ Seine Eltern überzeugen ihn schließlich, nach Deutschland zu fliegen. „Als ich durch das Tor ging, habe ich mich noch einmal umgedreht. Meine Mutter hat geweint.“ Am darauffolgenden Tag hebt die Militärmaschine mit 300 Menschen an Bord ab. Am 23. August kann Abdullah Habibi schließlich seine Frau und seine drei Kinder im Roßdorf wieder in die Arme schließen.

In Deutschland realisiert Habibi, wie knapp er dem Tod entkommen ist. „Zwei Tage, nachdem ich durch das Tor am Flughafen gegangen bin, hat sich dort ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt.“ Mit seinen Eltern telefoniert er, so oft es möglich ist. Dringend müssen sie aus Afghanistan heraus, sagt der 40-Jährige. „Mein Vater hat 30 Jahre für die Regierung gearbeitet.“ Nach außen hin geben sich die Taliban friedlich. „Aber nachts suchen sie nach den Menschen, die für die Regierung gearbeitet haben.“ Habibi hat bereits schriftlich das Auswärtige Amt um Hilfe gebeten - vergeblich. Da er damals für die Briten gearbeitet hat, hofft er nun auf Hilfe von der britischen Regierung.

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