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Spuren im Schnee

Am einen Ende tobt das Leben – dort, wo der Bregenzer Wald mit Warth und Schröcken direkt an Österreichs größtes Skigebiet, den Arlberg, angeschlossen ist. Am anderen Ende locken Naturschnee und fast unverbaute Berge Tourengeher und Schneeschuhwanderer. Von Bettina Bernhard

Abstand halten und Lüften sind keine Herausforderung bei einer Skitour am Falzer Kopf. Die Höhenmeter und der Tiefschnee schon.F
Abstand halten und Lüften sind keine Herausforderung bei einer Skitour am Falzer Kopf. Die Höhenmeter und der Tiefschnee schon.Foto: Monika Albrecht/Au-Schoppernau Tourismus

Skifahrer, die aus einer Zeit stammen, als noch nicht jede Steigung durch einen Lift erschlossen und von Vollversorgung auf der Piste keine Rede war, fühlen sich im Skizirkus mit vollen, dauerbeschallten Pisten, Liften mit WLAN, Sitzheizung und Werbeeinblendungen nicht erst in Corona-Zeiten nur mäßig wohl. Ist Tourenskifahren eine Alternative?

Im beschaulichen Ort Schoppernau, der seinen Namen von den auf Auen grasenden Schafen (Schappern) hat, ist die Welt noch in Ordnung. Keine Spur von monströsen Wintersportanlagen, Flying Fox und sonstigem Halligalli. „Der Bregenzer Wald ist landwirtschaftlich geprägt, Rindviecher und Einwohner halten sich die Waage - von beiden gibt es rund 30 000“, sagt Touristikerin Cornelia Kriegner. Auch das Verhältnis von Gästebetten zu Einwohnern sei verträglich - auf einen Einheimischen komme ein halbes Gästebett. Neben dem Tourismus ernähren Handwerk, Kleingewerbe, Landwirtschaft und viele holzverarbeitende Betriebe die Menschen.

Holz ist allgegenwärtig im Bregenzer Wald, denn traditionell wird hier damit gebaut und verkleidet. Mit der Zeit vergraut das Naturholz und erhält eine anthrazitgraue Patina, die wunderbar mit dem weißen Schnee kontrastiert. Den gibt es hier selbst in mauen Wintern wie dem vergangenen reichlich. „Das ist ein Schneeloch hier“, sagt Cornelia Kriegner. Beste Voraussetzungen also für Skitouren, für die man in schneearmen Zeiten auch die Lifte der kleinen Skigebiete mit ihrem hohen Naturschneeanteil nutzen kann, um erst einmal etwas Höhe zu gewinnen. Für Ortsfremde und für Skitouren-Neulinge bieten die Tourismusbüros eine Auswahl an geführten Touren an.

Die Suche nach der guten alten Ski-Zeit beginnt in der Hightech-Werkstatt des Sportgeschäftes in Schoppernau. Hopfenleicht sind die Tourenski, die der Fachmann als Leihgabe präsentiert. Kein Wunder, denn dem Ski fehlen jegliche Aufbauten, die Bindung ist ein filigranes Gerippe aus Metall. Aber raffiniert. Minibolzen fixieren die Tourenskischuhe vorne, hinten bekommen sie am drehbaren Kopf wahlweise Halt durch Einrasten oder Luft zum Laufen samt mehrstufiger Steigunterstützung. Ähnlich simpel scheint die Bedienung von Lawinenverschüttetensuchgerät, kurz LVS, Lawinenairbag, Schaufel und Sonde, die es im kompakten Rucksack dazugibt.

Merken kann sich die einfachen, aber in der Summe doch recht vielen Handgriffe aber kein Mensch auf Anhieb. Deshalb schlägt Tourguide Xaver Felder am nächsten Morgen auch eine Runde Materialgewöhnung vor. Die beginnt mit einer Lesestunde am Lift: Lawinengefahr, Schneelage, Wetter. „Entscheidend für die Lawinengefahr ist die Steilheit des Hangs“, erklärt Xaver. „Ich bleibe ab Gefahrenstufe 3 im Flachen.“

Die Notfallausrüstung wird getestet und Leih-Ski und -Schuhe auf einer normalen Piste am Diedamskopf ausprobiert und eingefahren. Dabei macht sich Xaver gleich ein Bild von den Fahrkünsten seiner heutigen Schützlinge. Vom Diedamskopf aus sieht man bis zum Ifen, dem Tafelberg mit Charakterkopf im Kleinen Walsertal, über den Bodensee im Norden nach Mellau, Damüls und Faschina, die inzwischen zu einem Skigebiet verbunden sind, und hinüber zum Arlberg. „Hier sind lauter schöne Tourgebiete“, weist Xaver ringsum: Hählekopf, Lug, Klippern, Grasalpe, Portlahorn und Kanisfluh, ein sehr markanter Berg mit Steilwand am Ende des Tales. Dann geht es los: Von der Breitenalpe auf etwa 1500 Metern über die Falzalpe hinauf zum Falzer Kopf auf knapp 2000 Metern - so lautet der Plan und der klingt machbar.

Also die Felle drauf, die dank ihrer winzigen Saugnäpfchen prima am Ski haften, und los. Das funktioniert erstaunlich gut, man kann gefühlt senkrecht den Berg hinaufstapfen. Im Wald - inzwischen ist es dank Sonnenschein und ersten Höhenmetern gut warm geworden - lässt Xaver Spitzkehr üben für besonders steile Stücke. Nach mehreren Knoten in Beinen und Skiern klappt auch das.

Die weiße Landschaft ist großartig, die monumentale Bergwelt, die Stille. Doch plötzlich tönen Stimmen - von oben! Gleitschirmflieger schweben über die Tourengeher hinweg, dann ist es wieder still. Nur der eigene Atem, der zwischendurch zum schweren Schnaufen wird, ist zu hören. Schritt für Schritt für Schritt. Viele große und kleine Kehren später wartet die Belohnung: ein einsames Gipfelkreuz und ein 360-Grad-Panorama, das seinesgleichen sucht. Und nach der Gipfelpause ein jungfräulicher Hang mit moderatem Tiefschnee zum Abfahren. Jeder malt seine Schwünge hinein, so schön es die Kräfte noch hergeben. Im Neuhornbachhaus verdunstet das Skiwasser quasi schon beim Anschauen, Tourengehen macht durstig.

Zurück geht es über die Rodelbahn nach Schoppernau, wahlweise im Oberschenkel-zerrenden Pflug oder in anstrengend kurzen, schnellen Schwüngen auf der schmalen, steilen Bahn. „Touren sind Konditions- und Fitnesstraining - und die Abfahrten das Sahnehäubchen“, weiß Xaver. Doch nach seiner Erfahrung ist die Zufriedenheit nach einer Skitour abends viel größer als nach zig Runden im Sessellift. „Verschwitzte Leute sind zufriedene Leute“, sagt er mit Blick in glänzende Gesichter und leuchtende Augen.

Anfängern empfiehlt er, für die ersten Touren mal im Skigebiet zu bleiben und nicht gleich in die ungespurte Wildnis abzubiegen. Dafür brauche es auch nicht gleich die große Ausrüstung mit Airbag - wobei ein LVS immer eine gute Idee sei. Außerdem sind im Skigebiet die alpinen Gefahren gebändigt, die Orientierung ist einfach und falls nötig kann die Fitness noch ein bisschen „geliftet“ werden.

In dieser Ecke des Bregenzer Waldes werden die Bedingungen für Skitouren voraussichtlich gut bleiben - mit kleinen Skigebieten und viel Naturschnee. Ausbaupläne wurden laut Cornelia Kriegner wieder auf Eis gelegt. Und Xaver Felder formuliert es so: „Es gibt zum Glück auch Leute, die keine 200 Pistenkilometer brauchen, sondern denen 25 reichen.“ Vor allem, wenn man einige davon bergauf und zu Fuß zurücklegt.

Bregenzer Wald

Anreise

Im Auto bis Bregenz, durch den Pfändertunnel bis Dornbirn-Nord, über die L 200 bis Au-Schoppernau. Per Zug bis Bregenz, weiter mit dem Bus in den Bregenzer Wald https://fahrplan.oebb.at,

https://fahrplan.vmobil.at

Unterkünfte

Verwöhnprogramm im Hotel Hirschen, DZ/F ab 238 Euro, www.hirschen.at

Für Familien: Kinderbauernhof Felders, DZ/F ab 85 Euro, www.felders.at

Urig in der Bio-Pension Beer,

DZ ab 65 Euro, www.bio-pension.at

Essen und Trinken

Schlemmen in der Bergwelt im Neuhornbachhaus, www.neuhornbachhaus.com

Besichtigen und einkehren lohnt in der Bergbrennerei Löwen, www.loewen-au.at

Skitouren

Leihausrüstung und guten Rat hat Sport Matt in Schoppernau, www.matt.at

Mehr zum Skigebiet gibt es unter

www.diedamskopf.at

Allgemeine Informationen

Tourismusbüro, www.au-schoppernau.at

Bregenzer Wald,

www.bregenzerwald.at

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