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Steimles Glück im Unglück

Radsport Der 24-Jährige Weilheimer wird nach seinem schweren Sturz nun doch nicht an der Schulter operiert. Ärzte rechnen mit dreiwöchiger Trainingspause. Rad-Experten kritisieren Entwicklung. Von Bernd Köble

Seine Stimme klingt noch immer gedämpft, doch der Optimismus kehrt langsam zurück. Die zahlreichen Verletzungen, die Jannik Steimle bei seinem schweren Sturz beim belgischen Radklassiker Nokere Koerse am Mittwoch erlitten hat, sind in erster Linie eines: extrem schmerzhaft. Drei gebrochene Rippen, von der eine die Lunge verletzt hat, das Schultereckgelenk gesprengt und eine schwere Gehirnerschütterung ist die Bilanz des Unfalls. Eine Szene, von der es kaum Bilder gibt und an die auch Steimle keinerlei Erinnerung hat. Weder an den Rennverlauf zuvor, noch an den Sturz selbst, der sich in einer Rechtskurve auf einer Kopfsteinpflaster-Passage ereignete. Der Weilheimer wollte vermutlich links außen überholen, rutschte dabei weg und prallte mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Holzzaun am Streckenrand.

Gestern wurde er in die Sportklinik im flandrischen Herentals verlegt, wo er am Wochenende voraussichtlich bereits wieder entlassen wird. Die Ärzte dort haben entschieden, auf eine Operation der Schulter zu verzichten, da das Risiko von Nervenschädigungen zu groß sei. Die erste vorsichtige Prognose lautet: drei Wochen Trainingspause. Damit hat Steimle Glück im Unglück. Bei den Frühjahrsklassikern wird der Weilheimer zwar keine Rolle mehr spielen, die Hoffnung auf einen Start bei den Deutschen Straßenmeisterschaften im Juni in Stuttgart lebt aber weiter. Die Heim-DM ist für ihn nach eigenen Worten einer der Höhepunkte der diesjährigen Rennsaison.

Für Deceuninck Quick Step ist der Sturz des Jungprofis der vorerst letzte einer ganzen Reihe schwerer Unfälle seit vergangenem Sommer (siehe Info). Für viele Rad-Experten ein Alarmsignal, dass in der Branche etwas schiefläuft. Ralf Kleih war der Heimtrainer von Jannik Steimle bis zu dessen Wechsel zu Quick Step und hält heute als Ratgeber noch immer Kontakt. Für ihn ist klar: Es muss sich etwas ändern.

Immer anspruchsvoller, immer steiler, immer mehr Schotter und Kopfsteinpflaster - um den Zuschauern das große Spektakel zu bieten, gehen Streckenplaner und Veranstalter an Grenzen. „Wenn es trocken ist, ist vieles kein Problem,“ sagt Kleih. „Wenn es regnet, wie am Mittwoch, sieht die Sache anders aus.“ Er weiß: Es gibt immer mehr junge Fahrer, die um lukrative Verträge kämpfen. Es geht um viel Geld. Gleichzeitig hat Corona dafür gesorgt, dass Gelegenheiten, ins Rampenlicht zu fahren, weniger werden. „Da haben viele im Rennen das Messer zwischen den Zähnen,“ sagt der Mann vom TSV Dettingen/Erms.

Kleih ist gleichzeitig Stützpunkttrainer der Mountainbiker in der Region. Dort nahm die Entwicklung einen ähnlichen Verlauf, und dort hat man inzwischen reagiert, hat Strecken verändert, technische Passagen entschärft. Auf steilen Steinfeldern seine Gesundheit riskieren muss selbst im Weltcup heute kaum mehr jemand. „Es braucht auch auf der Straße einen Plan B,“ sagt Ralf Kleih. Und mehr Teams, die jungen Fahrern die nötige Zeit zum Reifen geben. „Quick Step macht das, als eines der wenigen,“ sagt Kleih. „Die Mehrheit aber will fertige Profis.“

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