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Theater für alle Sinne mit Flädlesuppe

Live-Hörspiel In der Theaterspinnerei in Frickenhausen hat das Stück „Der goldene Topf“ die Zuhörer in verschiedene Welten gebracht. Von Sara Hiller

An gedeckten Tischen lauschen die Anwesenden den Künstlern auf der Bühne.Foto: pr
An gedeckten Tischen lauschen die Anwesenden den Künstlern auf der Bühne.Foto: pr

Bitte setzen Sie die Kopfhörer auf“, heißt es am Anfang des Live-Hörspiels „Der goldene Topf“. Das Licht geht aus und nur das blaue Geflimmer der Hörer ist im Dunkeln zu sehen, im Hintergrund leises Gekicher der Anwesenden. Was dann folgt, ist eine Sinneswahrnehmung der besonderen Art. Die stimmgewaltigen, dank elektronischer Hilfe wandelbaren Erzählerstimmen von Jens Nüßle und Susie Rosina Pochert treffen auf surreale Bilder von Künstler Marcus Dreisigacker.

Für eine tiefgründige Begleitung sorgt Musiker Stephan Hänlein an der Gitarre. Und komplettiert wird die Sinnesexplosion mit einem Drei-Gänge-Menü.

Das Ensemble der Theaterspinnerei Frickenhausen weiß den traditionellen Theaterbesuch in die heutige Zeit zu katapultieren - samt aller technisch-kreativen Möglichkeiten ein neues Erleben zu erschaffen. Hätte der Spätromantiker Hoffmann zur damaligen Zeiten gewusst, dass seine Novelle „Der goldene Topf“ multimedial inszeniert wird - er wäre wohl begeistert gewesen, bestimmt auch überwältigt von der Macht seiner Wörter.

Sein „Märchen aus der neuen Zeit“ handelt vom Schicksal des jungen Studenten Anselmus. Unglücklich ist er hin- und hergerissen zwischen der rational erschließbaren Alltagsrealität und der poetischen Welt der Magie. Es ist die Liebe zur bürgerlichen Veronika auf der einen, auf der anderen Seite die tiefe Zuneigung zu Serpentina, die grün-goldene Schlange mit den faszinierenden blauen Augen.

Dieses Pendeln zwischen Realität und obsessivem Fantasieerleben irritiert so manchen Zuschauer. Das Theaterensemble arrangiert die assoziative Sprache in Hoffmanns Werk zu einer akustischen und visuellen Gesamtcollage.

Bilder erzeugen Parallelwelten

Über 90 Illustrationen des Künstlers Marcus Dreisigacker bebildern die existenzielle Reise des jungen Mannes. Das Zaubermittel ist eine vor der Bühne bespannte durchsichtige Gaze-Projektionsfläche. Diese ermöglicht es, die holografischen Bilder, mit allerlei technischen Effekten versehen, in überwältigender Größe darzustellen. Sie sind magisch bunt, rotieren, verschwinden ineinander, wirken psychedelisch und lösen so die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie auf. Der Zuschauer sitzt mittendrin, umgarnt von optischen und akustischen Reizen. Da wirkt es zunächst äußerst desillusionierend, als nach den ersten „Vigilien“ das Licht angeht und die Flädlesuppe serviert wird. Doch dass zwischen den einzelnen Kapiteln das Drei-Gänge-Menü Platz findet, ist von den Theatermacher durchdacht. Denn genau dieses Hin- und Hergerissensein zwischen den Welten charakterisiert die Leidensgeschichte des Protagonisten.

Es ist ein ganz besonderes Zusammenspiel zwischen den beiden Erzählerstimmen von Jens Nüßle und Susie Rosina Pochert. Beeindruckend, wie sie sekundenschnell umschalten, ihren Stimmen verstörende, naive, fantasievolle Facetten verleihen können. Dank der Funkkopfhörer entsteht eine berührende Intimität zu den Zuschauern. Dabei gelingt es dem Theaterensemble der Theaterspinnerei, dem Zuschauer selbst zu überlassen, seine eigene Fantasie hinzuzufügen.

„Ihr Armen, ihr werdet nun eure Lauschhilfen abnehmen“, heißt es am Ende - zurück in die Realität. Doch „Atlantis ist überall“, das magische Zauberreich, in dem Mensch und Natur in harmonischem Einklang leben.

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