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Über zwei Brücken sollst du geh‘n . . .

Besichtigungstour Leserinnen und Leser des Teckboten waren auf der Filstalbrücke unterwegs und konnten nicht nur den Ausblick genießen, sondern auch den Arbeitern über die Schulter schauen. Von Iris Häfner

Eine Sicht wie auf dem oberen Bild haben später nur die Lokführer. Auf dem unteren Bild folgt die Teckboten-Gruppe dem Baustelle
Eine Sicht wie auf dem oberen Bild haben später nur die Lokführer. Auf dem unteren Bild folgt die Teckboten-Gruppe dem Baustellenführer Otto Krautwasser über eine der beiden Brücken, die sich zwischen Boßler und Steinbühltunnel über das Filstal spannen. Fotos: Carsten Riedl

Es ist ein strahlend sonniger Herbsttag, der Star des Tages ist somit ins beste Licht gerückt: die Filstalbrücke. Von vielen wird das luftig-leichte Bauwerk zwischen Wiesensteig und Mühlhausen schon jetzt als eine der spektakulärsten Bahnbrücken Deutschlands gepriesen und als weiteres Wahrzeichen von Baden-Württemberg gerühmt. Die Begeisterung für die Brücke ist Otto Krautwasser, Bauingenieur mit Leib und Seele, ins Gesicht geschrieben. Der Wendlinger ist Baustellenguide beim Infoturm Stuttgart und führt seit 13 Jahren Gruppen über die vielen Baustellen des Bahnprojekts Stuttgart 21 und der ICE-Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm.

Am Samstag konnten Leserinnen und Leser des Teckboten den Vollblut-Ingenieur bei einer besonderen Besichtigungstour erleben. Es ging nicht nur über die 85 Meter hohe Brücke. Es konnte auch ein Blick sowohl in den Boß­ler- als auch den Steinbühltunnel geworfen werden, denn die Filstalbrücke verbindet auf direktem Weg beide Untertage-Bauten. Sieben Sekunden wird der ICE zur Überquerung brauchen. Mit 250 Sachen braust er den Boßler hinauf, um dann wieder bei der Todsburgbrücke über der A 8 im Steinbühltunnel zu verschwinden. Am 11. Dezember nächsten Jahres, mit Beginn des neuen DB-Fahrplans, soll es soweit sein.

Zur Einführung in die Schule

Bevor es für die Besucherinnen und Besucher auf die Baustelle ging, gab es in der Grundschule Wiesensteig - wie es sich für eine derartige Einrichtung gehört - jede Menge theoretische Informationen über das ambitionierte Bahnprojekt. Die waren keinesfalls grau in grau, viel zu lebendig sprach Otto Krautwasser von der Planung und der bislang schon geleisteten Arbeit. Auch auf der Anfahrt mit dem Bus zur Brücke sprang die Begeisterung auf die Teilnehmer über.

Die letzte Hilfsstütze steht noch. Gleich mehrere waren für den Bau nötig, denn erst zum Schluss wurden die stabilisierenden Streben in Beton gegossen. So ergeben sich die eleganten Y-förmigen Pfeiler. „Sie sehen den Rost. Diese Hilfsstützen waren schon für die Strelasundbrücke bei Rügen und der Brücke von Millau in Südfrankreich, dem längsten Viadukt Europas, im Einsatz“, erklärte der Bauingenieur. Das „Viaduc de Millau“ ist mit 2460 Metern auch die längs­te europäische Schrägseilbrücke.

Schon unten wird klar: Es sind eigentlich zwei eingleisige Brücken, die eine ist 485 Meter lang, die andere 472 Meter. Das ergibt sich aus dem Sicherheitskonzept, wonach in einer Tunnelröhre nur ein Gleis verlegt werden darf. Deshalb gibt es zwei Eingangs- und Ausgangsportale der Tunnel, die in einem bestimmten Abstand stehen. Dementsprechend sind auch die Gleise voneinander getrennt und der Weg über das Filstal zu kurz, um beide Stränge zusammen- und wieder auseinanderzuführen. Unter den Brücken durch, geht es sehr schnell sehr steil bergauf. 25 Prozent sind es an der steilsten Stelle, was vor allem bei der Rückfahrt talabwärts eindrucksvoll zur Geltung kommt.

„Arbeiter haben Vorfahrt“

Oben angekommen, eröffnet sich ein beeindruckender Blick auf Brücke, Tal und Tunnel. Dass man sich mitten auf einer Baustelle befindet, wird schnell klar. Der Kran bewegt sich, die Besucherinnen und Besucher müssen über Gerüste und Treppen sowie ab und an Slalom durch Baumaterialien laufen. „Baustellenfahrzeuge und Arbeiter haben Vorfahrt, der Zeitplan muss eingehalten werden, insbesondere da die Nächte immer kälter werden und beim Betonieren bestimmte Temperaturen zu beachten sind“, gibt Otto Krautwasser die klare Order aus.

Ein Arbeiter rührt in einem brodelnden Kessel schwarze Brühe, die entsprechend riecht. Nicht weit entfernt davon justieren andere die Gleise millimetergenau. Da sind die Leserinnen und Leser schon im Steinbühltunnel angekommen, denn Start war am Boß­lertunnel.

Der Ausblick hielt sich insbesondere für kleinere Menschen in Grenzen. Das etwa eineinhalb Meter hohe, durchgängig geschlossene Geländer dient auch als Schallschutz. Es gibt aber ein kleines Aussichtspodest, sodass alle den Blick in beide Richtungen durchs Tal und auf die Albhänge schweifen lassen und die Aussicht genießen können. Von ICE-Geschwindigkeit will an diesem Nachmittag keiner etwas wissen, Bummel- und Genießerzug ist angesagt - die Brückenüberquerung hat bei dieser „Leserreise“ deutlich länger als sieben Sekunden gedauert.

Filstalbrücke ICE Stuttgart21 DB Bahn BAustelle Bosslertunnel Bossler Tunnel
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