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„Und alles wegen Ali“

Sportjournalismus Das neue Buch des Weilheimer Welt-Kolumnisten Oskar Beck erzählt Geschichten aus 50 Jahren Sport. Von Klaus Schlütter

Mit den Journalisten stand Gerhard Mayer-Vorfelder als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes und des VfB Stuttgart häufig auf Kriegsfuß. Sobald ihm eine Kritik nicht passte, zuckte sein Bannstrahl wie ein Blitz über den Autor. Oskar Beck aus Weilheim hat Glück gehabt - ihn, so steht es in einer alten VfB-Schrift, hielt MV für „die Stradivari unter den Arschgeigen“.

Unlängst ist nun Becks Buch erschienen „Und alles wegen Ali“. Es ist kein Boxbuch, sondern ein Sportbuch und auch ein Stück Zeitgeschichte. Der Autor lässt den Leser nicht nur teilhaben an den jüngeren Qualen und Leiden mit und um Joachim Löw, sondern auch an den sporthis- torischen Höhepunkten und großen Gefühlen der Vergangenheit. Mit seinen Porträts, Erzählungen und Kolumnen wirft Beck einen ungeschminkten, aber immer auch augenzwinkernden Blick auf die Entwicklung von Sport und Gesellschaft.

Muhammad Ali prägt den Titel des Buchs, weil mit ihm diese Zeitreise begann, vor fünfzig Jahren. „Ich will Journalist werden“, sagt der junge Berufssuchende damals anlässlich eines Spontanbesuchs beim Chefredakteur seines Lokalblatts, der Waiblinger Kreiszeitung. „Schreiben Sie mir einen Probetext, irgendwas“, rät ihm der. Beck setzt sich hin, bringt seine Faszination für den Boxer zu Papier - und darf am nächsten Tag anfangen.

Die Folgen liegen jetzt vor, und Beck hat viel zu erzählen. Als Berichterstatter war er bei zehn Fußball-Weltmeisterschaften, diversen Olympischen Spielen und regelmäßig bei Superbowl-Endspielen im US-Football vor Ort. Seine vielfach ausgezeichneten Texte erscheinen in Blättern wie der „Welt“, für die er seine wöchentliche Kolumne „Querpass“ schreibt, und in der Stuttgarter Zeitung.

Angeln mit Hrubesch, Zoff mit Breitner

Es sind vergnügliche und anspruchsvolle Geschichten, die Beck gesammelt hat, kurzweilig schildert er seine Begegnungen mit den großen Gestalten des Sports. Pele schenkte ihm das kürzeste Interview seines Lebens, mit Mike Tyson saß er am Ring in Los Angeles, mit Horst Hrubesch war er angeln. Jimmy Connors erlebte er auf der Tingeltour der wilden Tennis-Oldies und George Best, der erste Playboy des Fußballs, warnte ihn in Florida vor einem Sonnenbrand. Den alten Ali-Trainer Angelo Dundee lernte Beck im Wartezimmer eines Ohrenarztes in Miami kennen, mit Reinhold Messner stapfte er trainierend durch den Gletscherschnee, und er schildert, wie es ist, wenn Ben Johnson Gelüste nach dem weiblichen Geschlecht verspürt. Boris Becker versetzte den Moderator Beck (und 500 Gäste) einmal bei einer Podiumsdiskussion, kam dann aber kurz vor Mitternacht doch noch.

Das Buch beschreibt die Schokoladenseiten dieses Berufs, aber auch das Risiko: Man macht sich als Journalist nicht nur Freunde. Als Uli Hoeneß zum „Botschafter der deutschen Wurst“ gekürt wurde, saß Beck mit am Tisch, bestaunte den Bayern beim Bewältigen einer mächtigen Schlachtplatte und schrieb voller Sorge: „Der Kopf wächst ihm durch die Frisur.“ Auch Paul Breitner war mit dem pointierten Zupacken des Schwaben nicht immer glücklich - und wehrte sich mit dem A-Wort.

Vermittler in der Geheimsache Löw

Einmal, räumt Beck verschämt ein, verlor er allerdings die journalistische Dis- tanz. Schuld war der eingangs erwähnte Mayer-Vorfelder. Der war Ende der 90er-Jahre beim VfB mit seinem Übungsleiter Joachim Löw nicht mehr glücklich und fragte ihn: „Wenn Sie jetzt einen Trainer bräuchten, wen würden Sie nehmen?“ Beck war erstaunt, denn Löw hatte mit dem „Magischen Dreieck“ Balakov, Elber und Bobic zeitweise mitreißenden Fußball spielen lassen. „Mit Hüftschwüngen à la Marilyn Monroe in ,Manche mögens heiß' tanzten die VfB-Zauberer unter den Augen der faszinierten Fußballrepublik zum DFB-Pokalsieg“, erinnert er im Buch. Aber weil er Mayer-Vorfelder nicht leiden sehen konnte und den KSC-Trainer Winnie Schäfer und dessen heimlichen Traum kannte („Einmal den VfB trainieren. . .), übernahm der Journalist die Rolle des verdeckten Vermittlers und läutete tags darauf bei Schäfer in Ettlingen an der Tür. Löw ging, Schäfer kam, aber die Sache endete dann derart als Flop, dass sich Beck fortan lieber wieder auf seine eigentliche Arbeit konzentrierte.

Das schwimmende Bissinger Wunderkind

Oskar Becks Buch ist aus zwei Gründen auch für die Sportbegeisterten am Fuß der Teck interessant: Er lebt in Weilheim am Egelsberg, und eine seiner Geschichten handelt von Gertrude Ederle. Sie war die Tochter des Metzgergesellen Heinrich Ederle, der 1892 aus Bissingen vor der Armut floh. Als 16-Jähriger verließ er das elterliche Wirtshaus „Lamm“ und nahm ein Schiff nach New York. 1914 kehrte er mit der kleinen Tochter dann kurz in die alte Heimat zurück, wo sie im Bissinger See das Schwimmen lernte. Die kleine Trudy entpuppte sich danach im Wasser als wahres Wunderkind. Mit zwölf schwamm sie durch den Hudson River, und mit 13 ihren ersten Weltrekord. Zehn weitere Rekorde folgten, dazu Olympia-Gold 1924 in Paris. Zwei Jahre später schrieb sie dann Geschichte und durchschwamm als erste Frau den Ärmelkanal zwischen dem französischen Cap Gris Nez und dem englischen Dover. „Swim, Mädle, swim!“, feuerte Heinrich Ederle seine Tochter aus dem Begleitboot an. Trudy wurde zum Weltstar, besuchte in den Tagen danach als erstes Bissingen, und im Konfettiregen bejubelten sie anschließend Hunderttausende auf dem Broadway. US-Präsident Calvin Coolidge ernannte sie zu „America's Best Girl“. Fast hundert Jahre später denkt Hollywood offenbar an eine Verfilmung der Sensation.

Das Buch, das Oskar Beck vorlegt, zeigt auf, wie nahe sich im Sport Glück und Pech, Genialität und Größenwahn, Bescheidenheit und Eitelkeit oder Aufstieg und Absturz kommen können. Er beschreibt auch einfühlsam menschliche Tragödien und schildert seine Begegnungen mit Gerd Müller, dem Handballer Jo Deckarm oder dem Fechter Matthias Behr, der nach seinem tödlichen Stich gegen seinen russischen Rivalen und Freund Smirnow auf einer Autobahnbrücke stand und mit dem Gedanken spielte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Andererseits spart der Autor nicht mit spitzen Bemerkungen, wenn er auf den heutigen Millionenzirkus und den geschäftsgierigen Rummel zu sprechen kommt, oder auf den Siegeszug des Effe-Stinkfingers, der körperfüllenden Fußballer-Tattoos und den Boom der Lippenleser und zensierten Interviews.

Fazit: Nicht alles war früher besser, aber anders. Und häufig lustiger. Durch die Gnade der frühen Geburt kann Beck berichten, wie man als Journalist den Fußballern im UEFA-Cup noch beim Einwurf am Spielfeldrand geschwind den Hörer des Drehscheibentelefons gereicht hat. Oder im Mannschaftsbus mitfuhr. Einmal, nach einer bitteren Niederlage, holte sein Nebensitzer Ottmar Hitzfeld die Wurstbrote aus der Sporttasche, die ihm daheim seine Frau Beatrix geschmiert und belegt hatte, und sagte zu Beck: „Essen müssen wir trotzdem.“

Und alles wegen Ali - Geschichten zu 50 Jahren Sport von Oskar Beck erscheint im local global-Verlag, Stuttgart, 428 Seiten, 29 Euro

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