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Verfolgt, missbraucht, aber voller Mut

Kultur Bis zum 7. März ist in Kirchheim die Ausstellung „Frauen auf der Flucht“ zu sehen. 36 Bildertafeln in den Schaufenstern von Kornhaus, Stadtbücherei und Kreissparkasse beleuchten Schicksale. Bianca Lütz-Holoch

Das Plakat zur Ausstellung weckte bereits im Vorfeld großes Interesse.Foto: Jean-Luc Jacques
Das Plakat zur Ausstellung weckte bereits im Vorfeld großes Interesse.Foto: Jean-Luc Jacques

Warda schält Kartoffeln für die Familie und Knoblauch für ein Restaurant. Sie putzt den Kuhstall, in dem sie mit ihren Eltern und vier Brüdern lebt - und manchmal, wenn dann noch Zeit bleibt, besucht die 14-Jährige die Schule im Bekaa-Tal im Libanon, wo 400 000 syrische Flüchtlinge in Zeltstädten und improvisierten Unterkünften leben. In der Fotoreportage „Bekaa Blues“ erzählt der Fotograf Erol Gurian Wardas Geschichte. Sie ist Teil der Ausstellung „Frauen auf der Flucht“, die noch bis zum 7. März im Rahmen der Frauenkulturtage in Kirchheim zu sehen ist. Darin dokumentieren neun Fotografinnen und Fotografen das Leben von Frauen in ihrer Heimat im Nahen Osten, auf der Flucht und im Exil. Aufgehängt werden die 36 großformatigen Tafeln in den Schaufenstern unter den Arkaden des Kirchheimer Kornhauses, der Stadtbücherei und der Kreissparkasse.

„Der AK Asyl, die Beratungsstelle Chai, die FBS, das Frauenhaus und Amnesty International haben den Internationalen Frauentag immer mit einem Fest gefeiert“, erzählt Marianne Gmelin, die seit Langem in der Flüchtlingsarbeit aktiv ist. Schon im vergangenen Jahr war die Veranstaltung wegen der Pandemie ins Wasser gefallen. „Dieses Jahr wollten wir unbedingt einen Ersatz finden, der sich auch unter Corona-Bedingungen umsetzen lässt“, sagt sie. Durch Zufall stieß sie auf die Leih-Ausstellung, die aus einem Foto-Wettbewerb des Evangelischen Presseverbands für Bayern hervorgegangen ist, und holte die Stadt Kirchheim und die Diakonische Bezirksstelle Kirchheim als Mitveranstalter ins Boot.

„Die Bilder hängen drinnen. Wer sie anschauen möchte, spaziert einfach draußen an den Schaufenstern vorbei“, erläutert Dr. Frank Bauer, der bei der Stadt Kirchheim das Sachgebiet Archiv und Kultur leitet, das corona-konforme Konzept. Eine Vernissage wird es nicht geben. „Geplant ist aber ein digitales Einführungsgespräch mit der Kuratorin am Eröffnungsabend.“

Die 36 Fototafeln zeigen Frauen, in deren Heimat Konflikte toben. Frauen, die fliehen mussten oder im Exil leben. „Beim Thema Flucht und Asyl kommen Frauen viel zu wenig vor“, sagt Marianne Gmelin. Und das, obwohl die Hälfte aller Geflüchteten weiblich ist. „Mit der Ausstellung wollen wir sie ins Blickfeld rücken.“ Oft ist für Frauen das Verlassen ihres Landes mit noch mehr Gefahren verbunden als für Männer. „Wenn sie sich auf die Flucht begeben, sind sie Freiwild“, weiß Renate Hirsch aus ihrer Arbeit im AK Asyl und als Leiterin der Chai-Beratungsstelle. „So gut wie alle Frauen, die bei uns ankommen, haben unterwegs körperliche und sexuelle Gewalt erlebt.“

All die politischen Aspekte verbindet die Fotoschau mit kunstvoller Ästhetik. Die 14-jährige Warda ist nur eine der Protagonistinnen, die Risiken und Herausforderungen erleben und sich ihnen mit Mut und Kraft stellen. Da ist zum Beispiel auch noch die junge Frau aus dem Nordirak, die sich den kurdischen Milizen angeschlossen hat, um gegen den IS zu kämpfen. Oder Turkiye, der nach dem Tod ihres Mannes gemeinsam mit ihren vier Töchtern die Flucht aus Syrien in die Türkei gelungen ist, oder Safa, die nach Deutschland kam.

„Flucht und Migration sind nach wie vor aktuelle, drängende Themen“, betont Dr. Frank Bauer - auch wenn das in Zeiten der Pandemie manchmal untergeht. Die Probleme geflüchteter Frauen enden übrigens auch nicht in Deutschland. „Sie sind Frauen - und Migrantinnen“, verdeutlicht Renate Hirsch, warum sie gleich in doppelter Hinsicht benachteiligt sind. Für Mütter kann es schwierig sein, Deutschkurse zu belegen, weil sie niemanden haben, der so lange auf ihre Kinder aufpasst. „Auch auf unserem Arbeitsmarkt sind geflüchtete Frauen benachteiligt“, weiß Reinhard Eberst, Leiter der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim. Nicht immer ist in ihren Herkunftsländern Berufstätigkeit für Frauen überhaupt vorgesehen. Haben sie Qualifikationen, werden sie in Deutschland zudem oft nicht anerkannt.

Das Foto von Natalie Bertrams zeigt Ada, die vor zwei Jahren mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern aus Damaskus geflohen ist.
Das Foto von Natalie Bertrams zeigt Ada, die vor zwei Jahren mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern aus Damaskus geflohen ist.

Digitale Eröffnung mit bebildertem Vortrag

Eine digitale Ausstellungseröffnung findet am heutigen Donnerstag, 18. Februar, um 19 Uhr statt. Der Kirchheimer Oberbürgermeister Dr. Pascal Bader spricht ein Grußwort. Die Ausstellungskuratorin und Gründerin des Lagois-Fotowettbewerbs Rieke C. Harmsen hält einen bebilderten Vortrag und stellt ausgewählte Werte der beteiligten Fotografen Erol Gurian, Emine Akbaba und Heiko Roith vor. Außerdem wird ein Videointerview mit der Fotografin Hatice Ogur zu sehen sein.

Der Lagois-Fotowettbewerb des Evangelischen Presseverbands für Bayern fördert die Bildberichterstattung zu den Themen Sozialpolitik, Gesellschaft, Kultur und Religion und wird alle zwei Jahre verliehen. Er ist mit 5000 Euro dotiert. Die Ergebnisse zweier Wettbewerbe werden auch als Ausstellungen verliehen.

„Frauen auf der Flucht“ ist aus dem Wettbewerb 2016 hervorgegangen. 2017 wurde die Schau beim Integrationspreis der Regierung von Oberbayern für „besonderes Engagement bei der erfolgreichen Integrationsarbeit“ geehrt.

Das Team der Kirchheimer Stadtbücherei hat eine Liste mit Lese- und Medienempfehlungen zum Thema zusammengestellt. Sie steht im Online-Katalog zur Verfügung. Die Medien können über den Abholservice „Hin und weg“ bestellt und nach Terminvereinbarung abgeholt werden. Infos gibt es unter www.stadtbuecherei.kirchheim-teck.de.

Der Einladungslink zur virtuellen Eröffnung findet sich als QR-Code auf Plakaten, im Onlineveranstaltungskalender der Stadt Kirchheim sowie auf www.kreisdiakonie-esslingen.de unter „Veranstaltungen“.

Weitere Informationen bietet die Homepage www.martin-lagois.de. Dort gibt es auch Bilder von und Videointerviews mit Künstlern. Wer mag, kann dort auch einen Ausstellungskatalog bestellen.bil

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