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Verhindern, dass die Lichter ausgehen

Produktion Die Transformation der Wirtschaft ist in vollem Gange: Wenn sich die Konzerne jetzt für Standorte außerhalb der Region entscheiden, haben die Zulieferer aus dem Mittelstand keine Chance mehr. Von Andreas Volz

Ein Beispiel für die „umgekehrte Transformation“ in Kirchheim: Auf dem einstigen Primus-Gelände stehen Wohnblocks. Foto: Jean-Lu
Ein Beispiel für die „umgekehrte Transformation“ in Kirchheim: Auf dem einstigen Primus-Gelände stehen Wohnblocks. Foto: Jean-Luc Jacques

Es ist fünf vor zwölf: Das gilt nicht nur fürs Klima, sondern auch für die Transformation der Wirtschaft. Umwelt und Arbeitsplätze müssen aber nicht im Widerspruch zueinander stehen. Um jedoch das heimische Know-how in Forschung und Entwicklung zu halten, müsse zwingend auch die Produktion vor Ort erhalten bleiben, sagt Chris­toph Nold, leitender Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart, Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen.

Er spricht von einem „Zeitfens­ter, das sich vor zwei bis drei Jahren geöffnet hat, das aber nicht ewig geöffnet sein wird“. In dieser Zeit müssen die Unternehmen zukunftsweisende Entscheidungen getroffen haben, was ihre Standorte für die Produktion der Zukunftstechnologie betrifft. Ein Problem: „Die Auswirkungen werden erst zehn bis 15 Jahre später sichtbar sein.“ Gelingt die Transformation der Wirtschaft in der Region Stuttgart nicht, gehen in wenigen Jahren die Lichter aus.

Christoph Nold benennt ein Beispiel, bei dem es für die Region bereits zu spät ist: „Bosch ist mit der Chip-Produktion nach Dresden gegangen. Bei uns gab es keine passenden Standortbedingungen.“ In Dresden allerdings ergebe sich dadurch ein „hohes Potential für die nächsten Jahrzehnte“.

Dr. Julian Feinauer, Geschäftsführer von „pragmatic industries“ - eines jungen Kirchheimer Technologieunternehmens, das sich auf die Analyse von Maschinendaten spezialisiert hat -, erläutert etwas genauer, was es mit dieser Chip-Herstellung in Dresden auf sich hat: „Da hängen 1 500 Zulieferer dran. Das darf man nicht übersehen. Es geht also nicht nur um die Arbeitsplätze direkt in der einen neuen Fabrik.“ Dr. Michael Müller, Geschäftsführer des Kirchheimer High-Tech-Unternehmensberaters „Magility“, ergänzt: „Eine solche Ansiedlung bringt der Region das Zwanzigfache an Arbeitsplätzen.“

Abwarten ist die falsche Strategie

Dass „Zurücklehnen und Abwarten“ keine gute Strategie ist, betont Christoph Nold: „Wir haben die Chance, Produktionsstandort zu bleiben. Diese Chance müssen wir nützen.“ Bigi Bender, Geschäftsführerin des Kirchheimer Personaldienstleisters „biparso“, verdeutlicht die Dringlichkeit: „Getrieben durch die Digitalisierung, ist gar nichts mehr zeitlich planbar. Ganze Branchen können von heute auf morgen wegbrechen. Wir dürfen uns nicht mehr auf das verlassen, was wir gewohnt sind.“

Letzteres betrifft die Produktion - die immer stärker automatisiert wird - ebenso wie die Standorte und die Arbeitswelt als solche. Bigi Benders Kollege Paul Mirsch blickt in die Zukunft: „Es gibt dann nicht mehr die Stelle x für eine Person y. Stattdessen gibt es Anforderungsprofile für Teams, die für bestimmte Projekte dynamisch zusammengestellt werden.“ Was bringt die Zukunft sonst noch? Michael Müller: „Den Energiewandel durch Wasserstoff und Brennstoffzelle.“ Christoph Nold sagt dazu: „Grüner Wasserstoff aus überschüssiger Energie ist ein Riesenbereich.“ Die Region Stutt­gart denke für diesen Bereich auch an den Vorhaltestandort Hungerberg.

Die Zeit eile: „Die Konzerne investieren das Geld genau ein Mal. Wenn sie es woanders investieren, verlieren wir die Wertschöpfungsketten.“ Noch gebe es in der Region die Chance, dass die Unternehmen gerne bleiben würden: „Inves­toren haben Präferenzen. Aber sie haben immer auch Alternativen.“ Christoph Nold will die Chancen außer für die Wirtschaft auch für die Umwelt nutzen: „Bei einer Verlagerung nach Osteuropa gibt es keine Umweltstandards, da gibt es noch nicht einmal eine Dachbegrünung als Auflage.“

Einen weiteren Aspekt bringt Paul Mirsch ins Spiel: Die Transformation braucht eine Übergangszeit, in der Alt und Neu nebeneinander herlaufen - „irgendwann später werden auch wieder Flächen frei werden“. Michael Müller verweist auf zahlreiche Flächen, die allein in Kirchheim einstmals Industrie- oder Gewerbegebiete waren: „Inzwischen stehen dort längst Wohngebäude.“

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