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Viel zu schade für die Schublade

Verkehr In seiner Masterarbeit hat der Verkehrsingenieur Jonas Steiner die Möglichkeiten zur Reaktivierung der Bahnlinie nach Weilheim überprüft. Von Peter Dietrich

Noch sind Bahngleise zumindest vorhanden. Vielleicht rollen auf ihnen eines Tages auch wieder Züge. Foto: Peter Dietrich
Noch sind Bahngleise zumindest vorhanden. Vielleicht rollen auf ihnen eines Tages auch wieder Züge. Foto: Peter Dietrich

So eine Arbeit darf nicht in der Schublade verschwinden“, sagt der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel. Deshalb lud er den Verkehrsingenieur Jonas Steiner ein, seine Masterarbeit zur Reaktivierung der Bahnlinie nach Weilheim online der Presse zu präsentieren. „Eine Streckenreaktivierung muss nicht eins zu eins sein, so wie es früher war“, betonte Gastel, alle Alternativen seien zu prüfen.

Jonas Steiner hat eine Verlängerung der S 1 nach Weilheim untersucht. Dabei ging es ihm nicht nur um die geschätzten Baukosten und das Fahrgastpotenzial, sondern auch um einen möglichen robusten Fahrplan. Sein Fazit: Die Investitionen sind hoch, aber es locken bis zu 4 000 Fahrgäste pro Tag und mehr - und fahrbar wäre das auch.

Östlich von Holzmaden überquert die ICE-Neubaustrecke nach Ulm die derzeit ruhende Nahververkehrstrasse nach Weilheim. Jonas Steiner empfiehlt, dort einen Verknüpfungspunkt zu bauen, an dem Fahrgäste umsteigen können. Die ICE auf der Neubaustrecke rauschen durch, aber der geplante IRE 5, der künftig von Würzburg nach Friedrichshafen fahren soll und auch in Merklingen hält, könnte dort stoppen. Das wäre laut Joans Steiner möglich, ohne den Fahrplan auf der Neubaustrecke durcheinander zu bringen. Somit hätten die Kirchheimer und Weilheimer einen nahen Zugang zur Neubaustrecke. Bisher ist diese für die nahe Region praktisch wertlos, ein Zustieg ist erst am Flughafen Stuttgart möglich, im Vorlaufbetrieb sollen immerhin vorübergehend Züge in Wendlingen starten.

In Variante A würde die reaktivierte Strecke am Verknüpfungspunkt enden, in Variante B bis Weilheim geführt. Dort sind die letzten 200 Meter der alten Trasse verbaut, der Rest ist freigehalten. Der Endhalt wäre in etwa auf Höhe des Bildungszentrums Wühle. Die Kosten für die Infrastruktur hat Jonas Steiner anhand von Standardwerten für Variante A mit 99 Millionen Euro berechnet, in Variante B mit 120 Millionen Euro. Darin sind jeweils 64 Millionen Euro für den neuen Regionalbahnhof enthalten, der Rest ist für die Streckenreaktivierung. Diese sei auch ohne Regionalbahnhof möglich, betont der Verkehrsingenieur, dann mit einem Halt zentral in Holzmaden.

In elf Minuten nach Weilheim

Die Fahrzeit zwischen Kirchheim und Weilheim, mit Halten am Südbahnhof, in der Bohnau, Jesingen und am Regionalbahnhof, läge bei elf Minuten. In Kirchheim hätte die S-Bahn drei bis vier Minuten Aufenthalt. Das liegt daran, dass die Zugkreuzung sonst in der Bohnau läge, dort gibt es aber kein zweites Gleis und auch keinen Platz dafür. Außerdem entsteht so ein Puffer bei Verspätungen.

Als Basis hat Jonas Steiner den dritten Entwurf des geplanten Deutschlandtakts genommen. Die Veränderungen bei der S-Bahn durch den neuen Halt Mittnachtstraße sind in diesem bereits enthalten. Demnach würde die Hin- und Rückfahrt von Kirchheim nach Weilheim gut in den Takt passen, die Wendezeit in Weilheim läge bei neun Minuten.

In der Summe kommt Jonas Steiner auf einen Nutzen-Kos­ten-Index von 1,13: Die magische 1,0 wäre überschritten, das Projekt damit umsetzungswürdig. Er habe auf der Basis der Standardisierten Bewertung von 2016 gerechnet, sagte der Verkehrsingenieur. Sie wird derzeit überarbeitet und soll künftig den ökologischen Nutzen stärker berücksichtigen.

„Dann wird das Ergebnis nochmals besser aussehen.“ Jonas Steiner empfiehlt, die Maßnahmen „Reaktivierung“ und „Regionalbahnhof“ getrennt zu untersuchen und auch die Weiterführung über Bad Boll nach Göppingen und ein gemeinsames Netz mit der Teckbahn nach Oberlenningen zu prüfen. Auch könne es Synergieeffekte mit dem „Stukix“ geben, der möglichen Schnellverbindung von Kirchheim nach Stuttgart über eine noch zu bauende Wendlinger Südumfahrung.

„Wir sollten die Sache mit Optimismus angehen und mit allen Varianten untersuchen“, sagte Matthias Gastel. Er möchte die Masterarbeit in Kürze online stellen.

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