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Viele Wege führen zum Ziel

Aktion Bei „Mobil ohne Auto“ war nicht nur das Tiefenbachtal gesperrt, es diskutierten auch die Bundestagskandidaten über Klima- und Umweltschutz. Von Peter Dietrich

Viele nutzen den autofreien Sonntag im abgesperrten Tiefenbachtal, um die herrliche Natur ganz ohne Motorenlärm zu genießen.Foto
Viele nutzen den autofreien Sonntag im abgesperrten Tiefenbachtal, um die herrliche Natur ganz ohne Motorenlärm zu genießen.Foto: Markus Brändli

Wer darf zuerst etwas sagen? Der Moderator Eckhard Rahlenbeck ließ das Los entscheiden, Michael Hennrich zog die „1“ und nahm es als gutes Omen für die Wahl am nächsten Sonntag. „Ich glaube, dass dieses Jahr beim Thema Klima ein Wendejahr ist“, eröffnete er die Diskussion. Die Ereignisse im Ahrtal oder in Kalifornien hätten das Bewusstsein verändert. Ein Allheilmittel gebe es bei diesem Thema nicht, weder Innovationen noch Verbote. „Wir brauchen einen vernünftigen Mix.“ Die Zukunft liege in den regenerativen Energien, doch für eine Übergangszeit genügten diese nicht. Zuerst aus der Atomenergie, dann aus der Kohle auszusteigen, hält Michael Hennrich für einen Fehler: „Wir hätten die Reihenfolge rumdrehen sollen.“ Er regte an, jedem Bürger ein CO2-Kontingent zu geben, dann könne dieser selbst entscheiden, was im wichtig sei - die Ernährung, seine Reisen?

„Das Bewusstsein, dass sich was ändern soll, ist bei allen angekommen“, schließt Renata Alt aus ihren vielen Gesprächen mit Unternehmen im Wahlkreis. Aber Deutschland müsse auch seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten, sonst werde China zum lachenden Dritten. „Das Klima der Welt wird nicht nur am Neckartor gerettet.“ Die Stromversorgung brauche Zuverlässigkeit: Wenige Sekunden Unterbrechung genügten, um in einer CNC-Fertigung die ganze aktuelle Produktserie wegwerfen zu müssen.

Wer macht Gesetze? Das sollten nicht die Wissenschaftler sein, sondern Politiker, betonte Nils Schmid. Sonst sei das Ergebnis ein „Flirt mit der Ökodiktatur“. Es brauche politische Mehrheiten für die Umsetzung der Klimaschutzziele, in einem ausbalancierten Dreieck von Ökologie, Ökonomie und Sozialem. „Mit CDU und FDP kommen wir da nicht weit.“ Als Trägermedium im Aufbruch zu erneuerbaren Energien sei Wasserstoff gefragt. „Das ist ein riesiges Industrieprojekt.“ Nils Schmid warnte vor einem erneuten „Flirten mit der Atomkraft“, damit drohe nach der Wahl ein Nebenkriegsschauplatz.

Wetterextreme, Fluten, Stürme und Trockenheit: Wir in Europa hätten es derzeit noch gut, sagte Matthias Gastel (Grüne). „Menschen auf anderen Kontinenten trifft es weit härter. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, müssen wir von der Bremse herunter.“ Einer dieser Bremsfaktoren seien die Ausschreibungskriterien bei der Windenergie. Bei der Verkehrswende stünden wir erst am Anfang. „Dieses Jahr fließen bundesweit noch immer 3,1 Milliarden Euro in den Straßenbau, nur halb so viel in die Schiene.“

Die Bewegung komme aus der Zivilgesellschaft, nicht aus den Parlamenten, beobachtet Hüseyin Sahin. Er will den Kohleausstieg auf 2030 beschleunigen. „Sechs der zehn größten Klimasünder in Deutschland sind Kohlekraftwerke.“ Bis 2040 würden in Mobilitätsdienstleistungen und durch die Digitalisierung mehr Arbeitsplätze entstehen, als durch die Energie- und Verkehrswende anderweitig wegfallen. „Einfach alle Autos elektrisch machen, das funktioniert nicht.“

Michael Hennrich plädiert für eine „tabulose Diskussion“. Manches sei für ihn klar: „Tempo 130 auf der Autobahn? Ich wette, dass das in der nächsten Koalitionsvereinbarung steht.“ Das quittierten die Zuhörer mit deutlicher Zustimmung. Benzin werde teurer werden, aber es brauche einen sozialen Ausgleich für diejenigen, die aufs Auto angewiesen sind.

Verbote seien nicht immer die erste Idee, betonte Matthias Gastel, ein anderer Weg sei, gewolltes Verhalten zu fördern, etwa durch günstigere Tarife von Bahn und Bus oder Kaufprämien für Elektroautos. Für Tempo 130 gebe es eine gesellschaftliche Mehrheit. Auf der IAA habe er erkannt: „Viele Start-Ups sind der Politik voraus.“

Renata Alt stammt aus der Slowakei. „Ich habe 24 Jahre lang in einem Staat gelebt, der mir diktiert hat, was ich zu tun habe, so einen Staat will ich nie mehr haben.“ Bekämen Forscher und Ingenieure Rahmenbedingungen und Grenzwerte, seien sie in der Lage, Lösungen zu finden.

An der Diskussion nahmen auch drei Sprecher von „Fridays for Future“ und von Umweltverbänden teil. Sven Simon wies auf ein großes Hindernis bei der Energiewende hin: „Es fehlen 70 000 Handwerker, die Anlagen bauen und Gebäude sanieren.“

In einer letzten Runde ging es um den noch immer zu hohen Flächenverbrauch. Dabei waren sich alle Kandidaten einig, dass man ihn senken wolle, etwa durch höheres Bauen und Aufstockungen in Holzbauweise.

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