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Volltreffer für die Wissenschaft

Untersuchung Die Unwetter der vergangenen Tage brachten für die Wetterforscher mit ihrer Messstation am Nürtinger Galgenberg wertvolle Erkenntnisse. Von Philip Sandrock

Die Radaranlage auf dem Galgenberg sammelte während der Unwetter jede Menge an wichtigen Daten für die Forscher. Noch sind Vorhe
Die Radaranlage auf dem Galgenberg sammelte während der Unwetter jede Menge an wichtigen Daten für die Forscher. Noch sind Vorhersagen von Gewitterzellen schwierig.Foto: Jürgen Holzwarth

Zerbeulte Autos, entlaubte Obstbäume, überflutete Straßen und Keller: Die Unwetter der vergangenen Tage sorgten für große Schäden. Doch die Wetterforscher, die derzeit entlang des Albtraufs ihre Messstationen aufgestellt haben, sind begeistert: In den vergangenen zwei Wochen haben sie so viele Messdaten gesammelt, dass die Auswertung voraussichtlich mehrere Jahre benötigt.

Die Meteorologen, Physiker und Ingenieure hatten ein gutes Näschen für den Standort: Im Mai stellten sie zwischen Rottenburg und Nürtingen gleich mehrere Messstationen für ein Forschungsprojekt auf, an dem neben der Helmholtz-Gemeinschaft und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) noch weitere Wissenschaftler aus Deutschland beteiligt sind. Die Forscher wollen die Auswirkungen meteorologischer und hydrologischer Extreme auf die langfristige Entwicklung von Erd- und Umweltsystemen untersuchen.

Die Region am Albtrauf sei eine der Gewitter-Gegenden in Deutschland, sagt Andreas Wieser, der wissenschaftliche Direktor des KITcube, des mobilen Messzentrums des Karlsruher Forschungszentrums. Das liegt vermutlich daran, dass hier feuchtwarme Luftmassen zusammenkommen, nachdem sie den Schwarzwald umströmt haben. „Genau das wollen wir aber untersuchen“, so Wieser. Außerdem soll erforscht werden, welchen Einfluss Aeorosole wie der Saharastaub haben.

Neben Starkregen wollen die Forscher noch die Trockenphasen messen, die sie für die Sommermonate erwarten. Doch in den vergangenen Tagen tobten jetzt erst mal die Unwetter. In Rottenburg steht das Messzentrum „KITcube“, das die Karlsruher Wissenschaftler betreiben, das dazugehörige Hightech-Wetterradar steht oberhalb von Neckarhausen auf dem Galgenberg. „Damit können wir die gesamte Region entlang der Alb erfassen“, sagt Jan Handwerker vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung am KIT. Insgesamt 20 kleinere Stationen ergänzen die beiden größeren Mess­einrichtungen.

Außerdem lassen die Forscher regelmäßig Messsonden mit Wetterballons aufsteigen, die direkt in den Gewitterwolken Daten sammeln. Alle 90 Minuten schicken die Forscher Radiosonden in die Wolken, die dann vom Wind mitgetragen werden. Mit Lasersensoren können die Forscher Wolken und Regentropfen vermessen.

Die Messdaten, die die Wissenschaftler gesammelt haben, sind beeindruckend: „In Reudern haben wir am 23. Juni 115 Millimeter Niederschlag pro Quadratmeter gemessen“, sagt Wieser. Im Raum Großbettlingen hatte ein Sensor 420 Hagelkörner auf 0,2 Quadratmetern registriert.

Handwerker interessiert sich vor allem für die Verteilung des Niederschlags. Während im südlichen Teil Nürtingens Unmengen von Hagel fielen, sei der nördliche Teil der Stadt davon praktisch nicht betroffen gewesen. Bisher könne man aber weder Regenmenge noch Hagel vorhersagen, deshalb brauche man Messdaten, um die Ereignisse besser zu verstehen. Und noch etwas bereitet den Wissenschaftlern Kopfzerbrechen: Sie können noch nicht voraussagen, wann eine Gewitterzelle entsteht. „Dieses Mal war es für uns spannend“, meint Handwerker. Keiner könne sich erklären, warum sich nach einer Woche Idealbedingungen ohne Gewitter mit einem Mal eine gewaltige Superzelle gebildet habe, die dann außergewöhnlich lange über der Region wütete: Fast sechs Stunden zog die Gewitterfront vom Schwarzwald aus an der Schwäbischen Alb entlang.

Leider hat sich die Zelle aber außerhalb der Reichweite der Meteorologen gebildet. „Das nächste Mal“, sagt Handwerker, „wollen wir mittendrin sein.“

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