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Von Maß und Maßlosigkeit des Menschen

Ausstellung Der Kirchheimer Kunstverein zeigt in den Schaufenstern des Kornhauses neue Werke, die sich mit den Dimensionen des Seins beschäftigen. Von Florian Stegmaier

Werke, die zu eingehender Betrachtung, aber auch zum Gespräch einladen, zeigt der Kirchheimer Kunstverein derzeit in den Kornhau
Werke, die zu eingehender Betrachtung, aber auch zum Gespräch einladen, zeigt der Kirchheimer Kunstverein derzeit in den Kornhaus-Fenstern.

Den Menschen vermessen, auch das Innere in einer Hand wiegen oder auf eine weite freie Fläche legen und sehen, wie es aus allen Maßstäben hinauswachsen will“ - Zeilen der Lyrikerin Lilli Gebhard, die das Spektrum der aktuellen Mitgliederausstellung des Kirchheimer Kunstvereins auffächern. Unter dem Titel „Menschenmaße“ zeigen 15 Kunstschaffende in den Galerieschaufenstern des Kirchheimer Kornhauses ihre Werke. Auch Gebhard ist mit einer bildnerischen Arbeit vertreten, die eine Brücke zur Lyrik schlägt.

Die Diskrepanz zum ausgewachsenen Menschenmaß macht Angela Hildebrandt schmerzhaft sichtbar. Unerbittlich schnüren Spanngurte ihr rosafarbenes Textilobjekt in die Normmaße ein. Der infantilen Zwangsjacke ist eine biblische Allusion vorangestellt: „So ihr nicht bleibet wie die Kinder“. Wo im Neuen Testament das Kind-Werden Perspektiven eröffnet, macht Hildebrandts Arbeit die Perversion des Kind-Bleibens deutlich, wie sie einem Zwang zur Unmündigkeit, einer zum Programm erhobenen Regression erwächst. Mit dem Maß des Erträglichen setzen sich Frank Hummels Arbeiten „Selbstgespräch“ und „Ewige Wiederkehr“ auseinander. Bild und Schrift fokussieren ein existenziell in die Enge getriebenen Subjekt. Subtiler, aber nicht minder kritisch, gibt sich Judith Wenzelmanns Objekt „Plätterin“. In ihrer Andeutung einer dienenden Funktionalität fragt die Plätterin nach Logik und Gewalt der Selbstnormierung: „Erst Wäsche, dann sich selbst gebügelt, dann auf das vorgegebene Maß runtergefaltet“, so Wenzelmann.

Einen malerisch sinnfälligen Bezug zum Menschenmaß stellt Mark Neubauer in seinem Bild „Aufhebung der Balance in Bewegung“ in warmer, ausgewogener Farbharmonie und detailverliebtem Duktus gänzlich unverstellt her. In den Spuren altmeisterlicher Ästhetik gesellt Wolfgang Dietz dem binären Topos von Adam und Eva die Gestalt des Hermaphroditen zur Seite. Zum Triptychon erweitert, kommt nun zwischen Adam und Eva ein neuer Prototyp zum Stehen - Dietz spricht von der „Variation des Menschen“. Auch für Richard Umstadt ist der erste Mensch ein Thema. Seine Adam-Skulptur ist aus weißem Ton gebrannt, mit Eisenoxid engobiert und erinnert in ihrer Materialästhetik an die Ackererde, in die der Schöpfergott seinen Lebensatem hauchte. Einen unmittelbaren Zeitbezug hat Umstadts „Trauernde“. Sie ist eine künstlerische Reaktion auf die zahlreichen Toten der Corona-Pandemie. Lene Rose-Gruner tritt dem Virus mit einem visuellen Sprachspiel entgegen. Ihr „Kopf-Füßler“ preist sich als „Corona-Türstopper“ an und entfaltet seinen ästhetischen Reiz aus der Differenz von Name und Ding. Auf die pandemiebedingte Einengung des individuellen Lebenskreises verweist Kerstin Starkert mit ihrem Bild „Ella“. Die Abnutzung eines Teppichmusters fungiert als Indikator häuslicher Gebundenheit. „Ein Glasöffner stand Pate“, gibt Hildegard Tögel den Rezipienten ihrer Arbeit an die Hand. Das ist ebenso offen wie kryptisch gesprochen und verweist die Betrachter des vierteiligen Werks „Figürliches“ auf die eigene imaginative Kraft, die sich an der reizvoll uneindeutigen Narrativität von Tögels Bildern leicht zu entzünden vermag. Ohnehin soll ein Kunstwerk sich nicht entbergen. An dieses Diktum Paul Klees erinnert die Malerin Elke Koch. Ihre „rote Frau“ kommt mit stiller Noblesse daher, die zur Betrachtung einlädt.

„In Gedanken versunken“ ist auch die Frauengestalt in Ilse Ehrmanns Portrait, die ihr betrachtendes Gegenüber fixiert und in ihre Meditation hineinzuziehen scheint. Dem Reich der Emotionen geht Birgitta Goerke in ihrer gleichnamigen Arbeit nach und fragt nach der Rolle, die Kunst im Kontext der Gefühle spielen kann. Mit der Vermessung sozialer Gesten hat sich Rosemarie Beißer befasst. In ihrem Oszillieren zwischen Nahbarkeit und Distanznahme reflektieren Beißers Objekte - denen behandschuhte Hände aus umgekehrten Torsi wachsen - das Restrisiko jener undeutbaren Grauzone, die über Gelingen und Misslingen von Kommunikation entscheidet. Für den Fotografen Ralf Ginter bot die Befassung mit dem Menschenmaß die Chance, künstlerisches Neuland zu betreten. Hatte er sonst das Sechsmal-17-Bildformat für charakteristische Panoramafotografien verwendet, kehrt er es nun in die Vertikale, um den menschlichen Körper in Proportion zu architektonischen Flächen zu setzen.

Die Ausstellung „MenschenMaße“ von Mitgliedern des Kirchheimer Kunstvereins ist noch bis Sonntag, 22. August, zu sehen.

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