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Von Schulmeistern, Liederkränzen und Bläsern

Geschichte Ein Quellenband gibt über das Musikleben im Oberamt Kirchheim Aufschluss.

Kirchheim. Viele Vereine der Region können sich auf Vorläufer und Gründungen im 19. Jahrhundert berufen. Doch beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass manches anders war, als die Festschriften überliefern. Das Problem für spätere Interessierte war beziehungsweise ist bislang das Fehlen zuverlässiger Informationsquellen. Eigentlich gibt es ja in den Archiven die alten Zeitungen, so ab 1832 das Kirchheimer Wochenblatt und ab 1856 den „Teckboten“, daneben - nur kürzere Zeit - den „Lenninger Talboten“ und die „Neue Weilheimer Zeitung“. Das ist sehr viel Material - eine Sisyphusarbeit und eher schädlich für die wertvollen Originale.

Als Susanne Eckstein, die Verfasserin des Quellenbandes, anfing, die alten Kirchheimer Zeitungen auf „musikalische“ Informationen hin zu durchforsten, stieß sie auf so viele faszinierende Details, dass sie beschloss, sämtliche Fundstücke abzutippen. Erfasst hat sie alles, was mit Musik- und Kulturleben zu tun hat: Konzert- und Theateranzeigen, Berichte, Verkaufsanzeigen, darüber hinaus Ereignisse und Details aus dem Alltagsleben, ergänzt durch Abbildungen. All dies ist jetzt in einem Doppelband zugänglich.

Das Musikleben im Kirchheimer Oberamt war zwischen 1832 und etwa 1900 bunt und vielfältig, getragen hauptsächlich von Lehrern, Pfarrern und Nebenerwerbsmusikern. Was das Königreich Württemberg lange prägte, ist der hohe Stellenwert des Singens: Die Schulkinder mussten Choräle auswendig lernen, die Erwachsenen trafen sich im Gesangverein. Musiziert und gefeiert wurde auf (!) den zahlreichen Bierkellern und in Sälen; manche Feste müssen grandios gewesen sein.

Während in katholischen Orten Blaskapellen existierten, kamen sie in evangelischen erst später auf. Umso bemerkenswerter ist die „Wagemann’sche Kapelle“ aus Kirchheim, die gegen 1900 - mit Mädchen! - zu Ruhm gelangte. Wichtige Impulse gaben Klavier- und Orgelbauer, so die Familien Kaim und Gruol. Auch in Dörfern wie Strohweiler oder Schlattstall gab es zumindest zeitweise einen Musiker samt Klavier: den Schullehrer. Gerade die Anzeigen erlauben teils heitere Einblicke, so eine Anzeige aus dem Jahr 1869: „Kirchheim. Ein Tenortrompetchen hat sich eingestellt und kann abgeholt werden, wo? sagt die Redaktion.“ So wurden sonst zugelaufene Enten gemeldet. Eine wertvolle Ergänzung fand sich im Tagebuch des Musikus August Brackenhammer, das ein Kirchheimer Nachfahre aufbewahrt. So lässt sich vergleichen, was in der Zeitung stand und was noch alles lief: Hochzeiten, Tanz, Theater- und Begräbnismusik. Auch die Beziehungen zu Nachbarstädten waren wichtig, vor allem nach Nürtingen. se

Der Doppelband ist im Stadtarchiv einsehbar

Erkunden lässt sich dies und noch viel mehr in „Musikleben im Oberamt Kirchheim/Teck 1832 - 1906“ von Susanne Eckstein, einsehbar im Stadtarchiv Kirchheim, im Kreisarchiv Esslingen und in der Stuttgarter Landesbibliothek.se

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