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Wachstum -ohne Natur zu verbrauchen

Vortrag Ministerpräsident Winfried Kretschmann sprach an der Nürtinger Hochschule über die Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie. Von Barbara Gosson

Nürtingen ist seit fast 40 Jahren sein Wahlkreis: Winfried Kretschmann.Foto: Barbara Gosson
Nürtingen ist seit fast 40 Jahren sein Wahlkreis: Winfried Kretschmann.Foto: Barbara Gosson

Ökonomie und Ökologie, Wirtschaft und Umwelt- Widersprüche oder Partner? Das war das große Thema eines Abends an der Nürtinger Hochschule mit Winfried Kretschmann. Steffen Scheurer, Dekan des Studienganges Gesundheits- und Tourismusmanagement an der Hochschule in Geislingen, war es gelungen, den Ministerpräsidenten für einen Vortrag zu gewinnen.

Steffen Scheurer nannte in seiner Einführung Fakten: Um die Klimaziele der Pariser Konferenz von 2015 zu erreichen, dürfen nur noch 420 bis 1070 Gigatonnen fossiles CO2 ausgestoßen werden, je nachdem, ob die Erderwärmung bei 1,5 oder zwei Grad Celsius gestoppt werden soll. Dazu müsse das ganze Land bis 2050 klimaneutral wirtschaften. Nachhaltigkeit dürfe nicht nur auf Ökologie beruhen, sondern auf drei Säulen: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Dies versuche der Studiengang Gesundheits- und Tourismusmanagement ebenso wie die ganze Hochschule unter einen Hut zu bringen.

Was eine grüne Landesregierung dazu beitragen kann, führte Winfried Kretschmann aus. Der Ministerpräsident hat seit beinahe 40 Jahren seinen Wahlkreis in Nürtingen und kennt die Hochschule schon lange. Die Frage, wie bei begrenzten Ressourcen und einer wachsenden Weltbevölkerung die Lebensgrundlagen bewahrt werden können, treibe ihn nicht erst seit seinem Amtsantritt vor acht Jahren um. „Wir leben nicht mehr in einer krisenanfälligen, sondern in einer krisenhaften Welt“, betonte er. Der Klimawandel sei für alle mittlerweile spürbar, an mehreren Stellen inzwischen unumkehrbar.

Dass junge Menschen deshalb bei „Fridays for Future“ auf die Straße gehen und sich Greta Thunbergs Forderung „Ich will, dass ihr in Panik geratet“ anschließen, kann der Ministerpräsident gut verstehen. Wenn ihm Förster sagen, dass sie einen ganzen Wald aufgeben und den Borkenkäfern zum Fraß vorwerfen müssen, gerate auch er kurz in Panik. Jedoch gelte es, an die Therapie rational und nicht panisch heranzugehen.

Es gelte nun, auf der Basis wissenschaftlich erwiesener Tatsachen Entscheidungen zu treffen, die von den Menschen mitgetragen werden können. Das könne dann funktionieren, wenn Wirtschaftswachstum vom Naturverbrauch entkoppelt werde. Die Politik sei jedoch nicht dazu da, den Menschen ihre Lebensführung vorzuschreiben, wandte er sich gegen eine Verbotspolitik. Das Ozonloch schrumpfe nach dem weltweiten FCKW-Verbot, das aber nur funktioniert habe, weil Alternativen da waren.

In der Suche nach solchen Alternativen sieht Kretschmann die Stärke der Marktwirtschaft. Die Aufgabe der Politik sei es, die richtigen Signale zu geben, damit Unternehmen klimafreundliche Technologien zu ihrem Geschäftsmodell machen.

Doch derzeit sagen die Preise nicht die ökologische Wahrheit: „Damit steht der Kapitalismus auf dem Prüfstand.“ Der Naturverbrauch müsse langfristig in die Preisgestaltung einfließen. Dazu seien die zehn Euro pro Tonne CO2, die im Klimapaket der Bundesregierung enthalten sind, deutlich zu wenig, weil sie nicht spürbar seien. Es müssten nach Kretschmanns Auffassung wenigstens 40 Euro sein, in Schweden seien es bereits 115 Euro, ohne dass die Wirtschaft des Landes darunter leide. Der Wandel müsse das Versprechen des Wohlstandes enthalten, um von den Menschen mitgetragen zu werden: „Wir als Hochtechnologieland sollten zeigen, wie es geht, dass man mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreibt.“ Wenn sich Menschen um eine Idee versammeln, könne etwas Unerwartetes passieren.

Ein Studierender wollte während der Fragerunde wissen, ob die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung in die Hochschulen fließen könnten - eine Idee, die Kretschmann prinzipiell sympathisch findet. Jedoch solle das Geld wieder an die Leute zurückfließen.

Ein anderer fragte, ob nicht mehr internationale Übereinkünfte, auch Verbote, zur Rettung des Klimas nötig wären. Ein Verbot sei nur dann durchzusetzen, wenn es Alternativen gibt, betonte Kretschmann. Erschwerend komme hinzu, dass CO2 kein Gift ist, sondern überall entsteht. Wichtig sei, dass die fossilen Brennstoffe in der Erde bleiben, das sei effektiver, als beispielsweise Inlandsflüge zu verbieten, was nur Leute verärgere.

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