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Wahlnacht: Mehr Zittern als Feiern

Auszählung Im „Wahlkreis 8“ herrschte bis nach Mitternacht große Ungewissheit. CDU und SPD fuhren zwar respektable Ergebnisse ein, von einem Happy End waren die Kandidaten dennoch weit entfernt. Von Irene Strifler

Flüchtige Eindrücke: Die Landtagswahl 2021 ist schon Geschichte.Symbolbild: Jean-Luc Jacques
Flüchtige Eindrücke: Die Landtagswahl 2021 ist schon Geschichte.Symbolbild: Jean-Luc Jacques

Die Feier will er nachholen: Andreas Schwarz von den Grünen hätte gestern am meisten Grund gehabt, die Korken knallen zu lassen: Nicht nur, dass „seine Grünen“ kräftig zugelegt haben, der Fraktionschef aus Kirchheim hat das Direktmandat überzeugend verteidigt. Das Landesergebnis toppt er im Wahlkreis noch mit 33,14 Prozent und hat damit einen überproportionalen Zuwachs zu verzeichnen. Vor fünf Jahren lagen die Grünen hier bei 30,51 Prozent. In Kirchheim selbst kann Andreas Schwarz sogar 34,9 Prozent der Stimmen für sich verbuchen. „Das freut mich besonders“, erzählt er und sieht darin eine Bestätigung seiner bürgernahen Arbeit. Auf Landesebene erkennt er den „klaren Auftrag, die Regierung zu führen“ und kündigt an, dass die Grünen sehr zügig zu Sondierungesgesprächen einladen werden. Mit dabei seien dann wohl alle Parteien aus dem demokratischen Spektrum, also der bisherige Koalitionspartner CDU, aber auch die SPD und die FDP. Klar ist für ihn die Richtschnur: Was ist das Beste für das Land? Dabei nennt er drei entscheidende Themen: den Fortschritt des Klimaschutzes, die Förderung einer innovativen Wirtschaft und die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes.

Dass zumindest bei den Sondierungsgesprächen auch die FDP mit am Tisch sitzen wird, freut den hiesigen Kandidaten Ralph Kittl. „Wir möchten an die Regierung“, stellt er klar, betont aber, liberale Ziele durchsetzen zu wollen: „Wir wollen unsere Inhalte auch umsetzen können.“ Dass die FDP mit diesen Inhalten, allen voran der Stärkung von Bürgerrechten, überzeugt hat, sieht er im starken Zuwachs der Traditionspartei bestätigt. Sein Ergebnis von 10,33 im Wahlkreis 8 entspricht fast dem Landesergebnis.

Einigermaßen frustriert hört sich Andreas Kenner an: „Da rackerst du dich Jahre lang ab, und es interessiert kaum“, meint das SPD-Urgestein zu den Verlusten seiner Partei. Er selbst liegt zwar mit 15,14 Prozent in der Stadt Kirchheim und mit 12,62 im Wahlkreis deutlich über dem Landesergebnis, hat aber auch Stimmen verloren. Ob er überhaupt noch im Landtag dabei ist, war bei Redaktionsschluss nicht klar. „Das Leben geht immer weiter“, tröstet sich der 64-Jährige, der als Stimmenkönig und langjähriger Lokalpolitiker im Gemeinderat weiß, wie schnell ein Wahl-Amt verloren sein kann. Bei allen negativen Tendenzen vermag er dem Ergebnis auch Positives abzugewinnen, etwa die Stärkung des demokratischen Spektrums durch die deutlichen Verluste der AfD.

Die AfD-Einbußen freuen auch Dr. Natalie Pfau-Weller. Die CDU-Kandidatin ist heuer erstmals angetreten. Ob sie Karl Zimmermann, der vor fünf Jahren zwar das Direktmandat an die Grünen verlor, aber dennoch über Zweitmandat wieder in den Landtag einziehen konnte, beerben kann, stand zu Redaktionsschluss ebenfalls noch nicht fest. Sicher war aber: Die Newcomerin hat sich gut geschlagen. Im Wahlkreis kann sie 24,41 der Stimmen auf sich verbuchen, in der Stadt 20,77. In beiden Fällen hat sie geringere Verluste als die Landes-CDU zu verzeichnen. Dass sie gegen das „politische Schwergewicht“ Andreas Schwarz antreten musste, war nach ihrer Einschätzung keine leichte Ausgangsposition. Was die Sondierungsgespräche angeht, ist die 33-Jährige zurückhaltend: Angesichts des Kräfteunterschiedes zwischen Grünen und CDU müssten die Christdemokraten wohl viele Zugeständnisse machen. Wichtig sei jedoch, sich selbst treu zu bleiben: „Mitregieren ist immer schön - aber nicht um jeden Preis“, meint sie.

„Mit einem blauen Auge davongekommen“ ist nach eigenem Bekunden Christof Deutscher, Kandidat der AfD. Im Wahlkreis musste seine Partei ebenso wie auf Landesebene deutlich Federn lassen. Der 57-Jährige führt dies auf Themen zurück, die vor Ort nicht zu beeinflussen waren. So habe der Partei die Tatsache geschadet, dass sie vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Was auffällt, ist die Spannbreite der AfD-Ergebnisse. Sie reicht von 6,22 Prozent in Owen bis 17,24 in Erkenbrechtsweiler.

Hüseyin Sahin ist der Kandidat der Linken. Seine Partei hat ihr Ziel, nämlich den Einzug in den Landtag, verfehlt - erwartungsgemäß. Was ihn dennoch sehr freut: Speziell in Kirchheim, wo die Linke auch im Gemeinderat sitzt, liegt das Ergebnis mit 3,56 Prozent über dem Landesdurchschnitt, im Wahlkreis nur noch getoppt durch Plochingen mit 4,29 Prozent. „Das ist für mich eine große Motivation“, freut sich Hüseyin Sahin, der mit seinen 33 Jahren langfristig denkt und auf weitere kleine Schritte des Erfolgs bei künftigen Wahlen hofft.

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