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„Wanda“ ist auf dem Heimweg

Recycling In einem Zweigwerk der Firma Herrenknecht in Kehl werden die Teile der Tunnelbohrmaschine, die eine Röhre des Albvorlandtunnels gegraben hat, zur Zweitverwertung aufgearbeitet. Von Sylvia Gierlichs

Ein Schwertransporter mit Teilen der Bohrmaschine für den Albvorlandtunnel rollt durch die Wendlinger Bahnhofstraße.  Foto: Cars
Ein Schwertransporter mit Teilen der Bohrmaschine für den Albvorlandtunnel rollt durch die Wendlinger Bahnhofstraße. Foto: Carsten Riedl

Als Wanda im Frühsommer nach Kirchheim geliefert wurde, war das noch einigermaßen einfach. Die in ihre Einzelteile zerlegte Maschine wurde aus dem badischen Schwanau über Rhein und Neckar geschippert und im Stuttgarter Hafen auf Lkw verladen nach Kirchheim transportiert, wo die Baustelle eine eigene Autobahnausfahrt hat. Zusammengebaut und anlässlich einer Feier im Oktober 2017 getauft, wurde sie mit einigen Wochen Verspätung im Januar 2018 in Gang gesetzt und baute, eine kleine Tunnelbaufabrik hinter sich herziehend, eine Röhre des Albvorlandtunnels.

Auf den letzten Metern vor Wendlingen wollte die Maschine im Herbst diesen Jahres noch einen kleinen Ausflug in die nähere Umgebung des Albvorlands machen, was ihr durch die etwas weichere Geologie vor den Toren der Lauterstadt auch ganz gut gelang. Das führte zu Verzögerungen, denn die Maschine musste erst wieder in die richtige Spur gebracht werden - weswegen ihre Ankunft auf dem Baufeld vor Wendlingen auch nur mit gebremstem Enthusiasmus gefeiert wurde. Das war bei Käthchen am Boßlertunnel im vorigen Jahr noch ganz anders.

Doch kaum ist die Maschine in Wendlingen angekommen, muss sie auch schon wieder weg. Und zwar zurück in die badische Heimat, wo bei der Herstellerfirma Herrenknecht Teile der Maschine für andere Projekte aufgearbeitet werden. Indes, der Abtransport aus Wendlingen ist für manche Teile nicht ganz ohne. Sie sind schwer und haben Übergröße. Die Förderschnecke, die das Erdreich vom Schneidrad zum hinteren Teil der Maschine befördert, ist etwa 20 Meter lang, 1,8 Meter breit und dürfte circa 155 Tonnen wiegen. Das macht es notwendig, Schwertransporte zu beauftragen.

Doch die Baustellenausfahrt in Wendlingen ist nicht so komfortabel wie die in Kirchheim. Der Schwertransport dürfte zumindest bei der Förderschnecke schon Probleme haben, die enge Kurve zu nehmen, die nach der Baustellenausfahrt Richtung Wendlingen führt. Viel Platz zu rangieren gibt es dort nicht. Der Weg über das Stadtgebiet wäre auch aus anderer Hinsicht nicht ratsam gewesen, denn sowohl die Römerbrücke als auch die Seebrücke an der Neckarstraße wären ob des Gewichts in die Knie gegangen. So blieb in der Nacht nur, die Maschine über die provisorische Autobahnauffahrt der Baustelle in Richtung Kirchheim zu schicken, wo der Lkw an der Autobahnausfahrt Kirchheim West wendete, um in die richtige Richtung zu kommen. Von da an ging es für Wanda mit zwei weiteren Ausweichmanövern bei Böblingen und Pforzheim nach Kehl, wo die Firma Herrenknecht seit 2008 im Hafen einen zweiten Standort hat.

„Zwischen den bauausführenden Unternehmen und Herrenknecht kann vertraglich eine Rückkaufoption vereinbart sein. Wenn sich unser Kunde dann für diese Option entscheidet, nimmt Herrenknecht die Tunnelbohrmaschine zurück“, teilt Cornelia Lietzau, Pressesprecherin des Schwanauer Herstellers mit. So werden in Kehl komplette Tunnelbohrmaschinen, manchmal aber auch nur Komponenten davon zerlegt, von Rost befreit und neu lackiert. Dabei kommen Endoskope und Lasermessgeräte zum Einsatz. „Jede Dichtung wird geprüft, Schweißnähte per Ultraschall untersucht“, erläutert Cornelia Lietzau. Wenn die Fachkräfte fündig werden, müssen sie entscheiden: Lässt sich der Makel beheben - oder muss das Teil entsorgt werden? Was die strenge Überprüfung übersteht, wird auf den neuesten Stand gebracht und für den nächsten Einsatz modifiziert. Wo Wandas Bestandteile wieder verwendet werden, ist allerdings noch nicht entschieden.

Das „Remanufacturing“ bezeichnet Cornelia Lietzau als den Königsweg. So werden der Wert der einzelnen Komponenten einer Maschine gewahrt und Ressourcen geschont. Beispielsweise kann so der CO2-Ausstoß reduziert und damit die Umweltbilanz eines Projektes weiter verbessert werden.

Die Förderschnecke ist nicht das einzige Teil von Wanda, das in der vergangenen Woche die Wendlinger Baustelle in Richtung Kehl verlassen hat. Auch das Gelenklager - 6,6 Meter lang, 6,2 Meter breit und 1,2 Meter hoch - und der 7,4 Meter lange, sieben Meter breite und 3,3 Meter hohe Erektor, der die Betonbausteine an ihre im Tunnel vorgesehene Stelle eingepasst hat, sind mittlerweile im Badischen angekommen. Im neuen Jahr wird das Getriebegehäuse auf die Rückreise geschickt.

Ein Ritzel wird im Herrenknecht-Werk in Kehl unter ultraviolettem Licht auf Risse und Beschädigungen überprüft. Foto: pr
Ein Ritzel wird im Herrenknecht-Werk in Kehl unter ultraviolettem Licht auf Risse und Beschädigungen überprüft. Foto: pr
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