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Weiche Flächen und scharfe Kanten

Kultur Nach einjähriger Corona-Pause fand in Kirchheim wieder ein Meisterkonzert statt. Das Concerto Imperiale begeisterte mit frischen Interpretationen und riskierte auch musikalische Konfrontationen. Von Rainer Kellmayer

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Schon vor Konzertbeginn konnten Veranstalter und Publikum aufatmen: Nach einjähriger Corona-Pause durfte in der Kirchheimer Stadthalle wieder ein Meisterkonzert des VHS-Kulturrings über die Bühne gehen. Die Freude auf das Programm „Händel und Italien“ war im Saal deutlich zu spüren. Und da mit dem Concerto Imperiale ein Ensemble für den guten Ton sorgte, das sich der historisch informierten Aufführungspraxis verschrieben hat und auf Originalinstrumenten musiziert, waren besondere Klangerlebnisse garantiert.

Für das Orchester ist es ein Heimspiel: Es wird vom Kirchheimer Geiger Bernhard Moosbauer geleitet. Der hatte seine Mannschaft bestens vorbereitet und sorgte für profilierte Interpretationen, die zu keiner Sekunde Langeweile aufkommen ließen. Moosbauers Expertise als Musikwissenschaftler ist es auch zu verdanken, dass das Programm Bezüge zu Georg Friedrich Händels vierjährigem Aufenthalt in Italien herstellte. Im gut recherchierten Programmheft erfuhr man, dass der junge Händel von den im frühen Barock im europäischen Musikleben führenden italienischen Komponisten profitiert hat und damals den Grundstein zu seiner Weltkarriere legte.

Inspiriert hat ihn sicherlich auch Arcangelo Corellis „Concerto grosso op. 6/4“, das in tänzerischem Gestus das Programm eröffnete. Nicht minder unterhaltsam ist Antonio Vivaldis „Concerto a-Moll RV 161“ mit seinen spritzigen schnellen Ecksätzen und einem Larghetto, das mit dissonanten Vorhalten und überraschenden harmonischen Durchgängen aufwartete.

Das Concerto Imperiale sorgte für frische Interpretationen, die gelegentlich auch Ecken und Kanten nicht scheuten. In Vivaldis „Concerto a-Moll RV 522“ legte das Streichertutti den Solisten Sabine Brodbeck und Tilman Aupperle einen sicheren Grund, auf dem sich ihre Barockgeigen mit glasklarem Laufwerk entfalteten. Schade nur, dass sich die Intonation von Solisten und Orchester nicht durchgehend auf der Idealspur bewegte. Doch das machte die gute Abstimmung der Soli und eine inspirierte Wiedergabe wieder wett.

Vivaldis „Concerto ripieno RV 128“ stand Georg Friedrich Händels „Concerto a Pasticcio“ gegenüber. Bernhard Moosbauer legte im Kopfsatz brillante Violin­spuren: Vom Orchester sicher getragen spielte er sich mit schlankem Geigenton stilsicher durch den Notentext. Dass Händel zwar italienische Einflüsse aufgenommen hat, diese jedoch in seiner ganz eigenen Tonsprache verarbeitete, war hinter jeder Note zu hören. Noch deutlicher wurde dies in seinem „Concerto grosso op. 6/9“. Weichen Klangflächen standen scharfe Tonattacken gegenüber. Mit klar gesetzten, stringent durchlaufenden Basslinien und ausgefeilter Terrassendynamik gab das Ensemble dem Ganzen Kontur.

Nach dem einleitenden flächigen Largo kam die Musik in Fluss: Locker perlten die Läufe, die Balance der Stimmgruppen stimmte, und auch die Tempi waren gut getroffen. Dem Publikum hat der Ausflug in die Klangwelt des Barocks und die unterhaltende Note der Musik gefallen: Mit Beifall wurde nicht gespart. Das Concerto Imperiale bedankte sich mit einem der populärsten Meis­terwerke des Barocks: Als Zugabe erklangen zwei spritzige Sätze aus Georg Friedrich Händels „Wassermusik“.

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