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Wenn die Bürokratie den Pflegenotstand verschlimmert

Gesundheit Die Krankenhausgesellschaft Baden-Württemberg warnt vor Mangel an Pflegern und Ärzten. Die Medius-Kliniken im Landkreis stehen noch relativ gut da. Von Uwe Gottwald

Die Kliniken wünschen sich weniger Bürokratie, um die Pflege gewährleis­ten zu können.Foto: Jean-Luc Jacques
Die Kliniken wünschen sich weniger Bürokratie, um die Pflege gewährleis­ten zu können.Foto: Jean-Luc Jacques

Die baden-württembergische Krankenhausgesellschaft schlägt Alarm. Wegen des Mangels an Pflegekräften müssten Betten abgebaut und teilweise Abteilungen geschlossen werden. Für die kreiseigenen Medius-Kliniken gibt Norbert Nadler, Direktor des Klinikums Nürtingen-Kirchheim, zwar Entwarnung. Er macht generell aber ausufernde Bürokratie für die Misere verantwortlich. Auch hält er den Fachkräftemangel nach wie vor für bedrohlich, und zwar für das gesamte Gesundheitswesen. So seien auch Reha- und Pflegeeinrichtungen betroffen.

Wenn die medizinischen Maßnahmen am Patienten vorgenommen worden seien und aus medizinischen Gründen kein weiterer Aufenthalt in der Klinik mehr notwendig sei, sind die Häuser verpflichtet, die Patienten zu entlassen. Nicht alle aber seien dann weiterversorgt. Wenn dann kein Kurzzeit-Pflegeplatz gefunden wird, sehen sich die Kliniken schon allein aus ethischen Gründen verpflichtet, den Patienten weiterzuversorgen.

Nadler nennt aus dem Nürtinger Klinikalltag das Beispiel einer alleinstehenden älteren Frau. Nach einem Sturz und Verletzungen an beiden Händen musste operiert werden. Jüngere Patienten hätte man wohl früher entlassen, ob die ältere Dame alleine hätte zurechtkommen können, sei ungewiss gewesen. Da kurzfristig keine weitere Versorgung gewährleistet gewesen sei, habe man sie einen weiteren Tag in der Klinik behalten. Die Krankenhäuser dafür zu bestrafen, dass sie Verantwortung übernähmen, sei nicht richtig.

Nicht nur, dass ihnen das nicht bezahlt wird: Das eingesetzte Personal fehlt dann auf anderen Abteilungen. Und für einige dieser Abteilungen gelten seit Anfang des Jahres die gesetzlich vorgeschriebenen Pflegepersonaluntergrenzen. Damit soll ein Mindestmaß an Pflege garantiert werden. Das war wohl zunehmend nicht mehr an allen bundesdeutschen Kliniken der Fall. Als Grund dafür sehen Krankenhausexperten den von der Bundespolitik mit verschiedenen Maßnahmen und finanziellen Auswirkungen aufgebauten Druck, um Kliniken zu einer immer größeren Wirtschaftlichkeit zu zwingen, was in Regionen mit einer hohen Dichte an Kliniken zu Schließungen führe, die von der Politik wiederum gewollt seien.

Medius hat Personal aufgestockt

Dazu seien die Medius-Kliniken nicht gezwungen gewesen, versichert Nadler. Im Gegenteil: In den vergangenen vier bis fünf Jahren sei das Personal um rund 300 Kräfte in der Pflege und in der Ärzteschaft aufgestockt worden. Ein Teil davon sei jedoch durch tarifliche Folgen, wie etwa mehr Urlaubstage, verpufft, so Nadler. Trotz aller Probleme weist Nadler darauf hin, dass man an den Medius-Kliniken die Vorgaben zur Personaluntergrenze bis jetzt zu 99 Prozent eingehalten habe. Bundesweit liege der Wert bei 96 Prozent.

Mit ein Grund ist laut der Krankenhausgesellschaft, dass diese Häuser dann die Pflegepersonaluntergrenzen wieder nachweisen konnten. Tun sie es nicht, werden finanzielle Sanktionen fällig. Die Untergrenzen gelten bislang für pflegeintensive Stationen wie die Geriatrie, die Unfallchirurgie, die Kardiologie und die Intensivstationen. Nadler dazu: „Eine ordentliche Pflege muss garantiert sein, keine Frage.“ Aber die Bemessungsgrundlage dafür sei nicht praktikabel. Sie gebe allenfalls den Kassen ein Instrument in die Hand, Leistungen für die Kliniken zu kürzen.

Nadler meint damit, dass die jeweils vorgegebenen Mindestzahlen an Pflegekräften in den Abteilungen zu keiner Zeit unterschritten werden dürfen. Das sei nicht praxisnah. Bei Schlaganfallzentren wie dem der Medius-Kliniken in Kirchheim sei eine bestimmte Personalvorhaltung im Zuge der Zertifizierung ohnehin vorgegeben, sagt Nadler. Darüber hinaus handle es sich immer um Notfallbehandlungen, die im Gegensatz zu anderen Abteilungen nicht planbar seien und Schwankungen unterlägen.

„Deshalb wünschen wir uns eine flexiblere Handhabung, die sich am tatsächlich anfallenden Behandlungs- und Pflegebedarf und nicht an sturen Vorgaben orientiert“, betont Nadler. Gerade weil das Pflegepersonal eine knappe Ressource sei, sollte dessen Einsatz flexibler möglich sein, und zwar in der Abteilung, in der es zur jeweiligen Zeit tatsächlich am dringendsten gebraucht wird.

Mit dem geplanten Anbau an die Nürtinger Klinik, der erst kürzlich vom Kreistag beschlossen wurde, kommen auf dem Nürtinger Säer weitere 70 Betten hinzu. Das werde zum Teil jedoch dadurch kompensiert, erklärt Nadler, dass die Chirurgie in Nürtingen konzentriert wird und Personal von Kirchheim mitwechselt. In Kirchheim wird dann nur noch ambulant operiert.

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