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Wenn Zuckerrohr in der Plastikdose steckt

Innovation Raphael Stäbler aus Bonlanden entwickelte recycelbaren Kunststoff aus nachwachsendem Rohstoff.

Raphael Stäbler ist stolz auf seine Produkte. Foto: Marion Brucker
Raphael Stäbler ist stolz auf seine Produkte. Foto: Marion Brucker

Filderstadt. Raphael Stäblers Lieblingsfarben sind grün, rosa und pink - zumindest wenn es um die Farben seiner Plastikprodukte geht. Der 41-jährige Wirtschaftsingenieur steht in der Versandhalle seines Unternehmens in Bonlanden. Neben ihm Plastikflaschen mit grünen, rosa und blauen Schraubverschlüssen. Sie sind das jüngste Produkt des schwäbischen Tüftlers, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Haushaltswaren aus Plastik ohne Öl herzustellen, die zu 100 Prozent recyclebar sind - und das nicht erst, seit das Thema Plastikvermeidung in aller Munde ist.

Statt sein Vesper in Plastikfolie einzuwickeln, wäre es in einer Dose besser und umweltfreundlicher verpackt. Die Idee kam Stäbler bereits während seines Studiums in Furtwangen vor 15 Jahren. Gemeinsam mit einem Kommilitonen suchte er nach einem Stoff, der so strapazierfähig wie Plastik aber gleichzeitig recyclebar ist. „Er sollte hitze-, kältebeständig und nicht zerbrechlich sein“, erklärt Stäbler. Bei einem Forscherteam eines Spin-Off des Frauenhoferinstitutes in Heilbronn wurden sie fündig. Die Lösung: Zuckerrohrsaft anstatt Erdöl. „Der Zuckerrohrsaft ist ein Restprodukt aus der Rohrzuckerproduktion“, erklärt Stäbler. Daraus wird Bio-Ethanol hergestellt. Durch Polymerisation und Anreicherung mit Mineralien wird Bio-Polyethylen (Bio-PE) gewonnen. Dieses ist identisch in Qualität und Eigenschaften wie herkömmlicher, hochwertiger Kunststoff, aber eben ohne die umwelt- und gesundheitsschädlichen Komponenten. Das verwendete Zuckerrohr stamme aus nachhaltigem Anbau unter Einhaltung sozialer und umwelttechnischer Standards, betont Stäbler.

Gleich nach dem Studium hat Stäbler seine eigene Firma gegründet, die „4e solutions“. Sein erstes Produkt waren weiße Brotboxen unterschiedlicher Größe. Sie kamen 2013 unter dem Namen „ajaa!“ auf den Markt. Auf Finnisch bedeutet das: etwas bewegen. Doch bald schwenkte er auf rosa und blau um. Grund: die typischen Farben für Kinder, denn es folgten Babylöffel und Kindergeschirr: Teller, Schüssel und Becher. Sie sind ohne Weichmacher, vegan und werden im Großraum Stuttgart in Lohnfertigung hergestellt.

Noch ist das Sortiment von Stäbler übersichtlich. Es sei teuer, eine neue Form herzustellen - für seine Plastikfalsche, die im Herbst vergangenen Jahres als 0,4 und 0,8-Literflasche auf den Markt gebracht hat, war allein für die notwendigen Werkzeuge und Maschinen für das Spritzgussverfahren um die 50 000 Euro notwendig. Eine riesige Summe für sein Start-up, auch wenn er ein zweistelliges Umsatzwachstum weiterhin im Auge hat.

Vertrieben werden seine Produkte im Onlineshop, in Bioläden und Reformhäusern, auch Supermärkte haben Interesse angemeldet. Noch ist Stäbler, der sich 2019 einen Vertriebsprofi als Gesellschafter mit an Bord geholt hat, ein kleiner Betrieb mit drei Mitarbeitern. So packt der dreifache Familienvater schon mal selbst mit an, wenn wieder eine Sonderfertigung zum Versand fertig gemacht werden muss, wie die für eine Firma aus den Niederlanden. Die bestellte als Werbegeschenk Brotdosen in ihrer Nationalfarbe orange. Bei Kundenwünschen ist Stäbler flexibel: Es müssen nicht immer grün, pink und rosa sein. Marion Brucker

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