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Wie die Nazis Sinti-Familien terrorisierten

Neuerscheinung Iris Lemanczyk erzählt von Kajetan Reinhardt, der mit dem jungen Heiner Geißler befreundet war.

Fesselnd, wahr und lehrreich: der Jugendroman „Brennnesselhaut - eine wahre Geschichte“.Foto: Jean-Luc Jacques
Fesselnd, wahr und lehrreich: der Jugendroman „Brennnesselhaut - eine wahre Geschichte“.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Kajetan und sein Freund Heiner ergattern im neuen Schuljahr wieder einen Platz an einer Bank. Doch die sonst freundliche Lehrerin schickt Kajetan in ungewöhnlicher Strenge fort: „Du bist ein Zigeuner. Zigeuner sitzen ab diesem Schuljahr hinten. - Ab in die letzte Reihe.“ Da nützt es auch nichts, dass Heiner höflich eine Lanze für seinen Freund brechen will: „Aber Frau Merlin, der Kajetan ist doch mein Freund. Wir wollen zusammensitzen, so wie im letzten Jahr.“ Die Lehrerin bleibt hart: „Zigeuner sitzen hinten - das hat mir der Herr Rektor ausdrücklich gesagt.“

Die Szene spielt in Ravensburg, mitten im Zweiten Weltkrieg. Kajetan ist ein Sinto-Junge, ein „Zigeuner“, wie er schon als kleines Kind beschimpft wird. Noch darf er die Schule besuchen. Wenig später wird er mit anderen Sinti im „Ummenwinkel“ eingepfercht, einem berüchtigten Zwangslager. Dort wird er schikaniert, entwürdigt, um seine Kindheit gebracht. Für den kranken Vater schuftet er auf einer Baustelle bis zum Umfallen: „Bereits vor der Mittagpause hatte Kajetan Blasen an den Händen. Im Laufe des Nachmittags platzten diese auf, sodass das rohe Fleisch zu sehen war. Sobald er den Schaufelgriff mit den Fingern umschloss, brannten Kajetans Hände, als bestünde der Griff aus glühenden Kohlen.“

Seinen Freund Heiner hat er da schon monatelang nicht mehr gesehen. Dies ist niemand anderes als der langjährige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. Auch seine Familie ist Schikanen ausgesetzt, der liberale Vater wird mehrfach strafversetzt.

Iris Lemanczyk schildert in ihrem neuesten Roman „Brennnesselhaut“ die Freundschaft der Jungen und die Geschichte der Sinti im „Ummenwinkel“ über ein Jahr hinweg. Klare Sätze, wie sie zu einem Jugendbuch gehören, bringen das grausame Schicksal der Minderheit eindrucksvoll auf den Punkt. Ihre Informationen hat die Stuttgarter Autorin, die in Kirchheim aufgewachsen ist, aus erster Hand. Schon 2013 hat sie für das Buch, das lange nicht reifen wollte, recherchiert und seinerzeit mit Heiner Geißler, Kajetan Reinhardt und dessen Schwester Hildegard ausführlich gesprochen. Detaillierte Schilderungen machen die Nazigreuel greifbar und konfrontieren auch erwachsene Leser mit heute noch aktuellen Vorurteilen.

Das Buch hat das Potenzial, auf die Pflichtlektüreliste von Schulklassen zu geraten. Nicht nur, dass es eingängig und eindrucksvoll zugleich geschrieben ist und der Welt der Teenager entspricht. Zudem bietet sich eine Klassenfahrt an den Stuttgarter Nordbahnhof an. Von dort wurden ab 1943 auch Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert. „Brennnesselhaut“ endet hier, als Hildegard in den Zug steigen muss: „Schluchzend sah Kajetan seiner Schwester mit ihrer Familie, dem Freund und all den Nachbarn aus dem Ummenwinkel nach, wie sie in den Zug stiegen. Schweigend.“

Heute steht am Nordbahnhof die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“, die 2600 Namen von Deportierten auflistet. Auch „Reinhardt“ findet sich. Für Kirchheimer ergibt sich zudem ein Bezug, stammt doch eine Schwiegertochter Kajetan Reinhardts aus der gleichnamigen Familie. Sie lebt in Oberschwaben.Irene Strifler

Info „Brennnesselhaus von Iris Lemanczyk ist im Horlemann-Verlag erschienen und wird ab 13 Jahren empfohlen. Die Autorin liest daraus online im Rahmen der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ (siehe oben) am Dienstag, 16. März, um 19 Uhr. Anschließend ist eine Diskussionsrunde geplant.

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