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„Wir fühlen uns wertvoll“

Lebenshilfe Zwei Millionen Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund haben eine Behinderung. Wie sie damit zurecht kommen und wie es ihnen geht, erzählen drei Familien. Von Julia Nemetschek-Renz

Sophie liebt das Trampolin im Garten und den Kuchen von der Nachbarin.Foto: Julia Nemetschek-Renz
Sophie liebt das Trampolin im Garten und den Kuchen von der Nachbarin.Foto: Julia Nemetschek-Renz

Die Wohnung von Familie Gülhan (Namen von der Redaktion geändert) sieht auf den ersten Blick leer aus, am Esstisch stehen an der langen Seite keine Stühle. Als Batu mit seinem E-Rolli an den Tisch fährt, wird klar, warum: Er braucht den Platz. Frech grinst er seinen Vater an, seine Brille sitzt ein bisschen schief, und er erzählt von der Langeweile in den Sommerferien. Er vermisse halt seine Freunde aus der Rohräckerschule in Esslingen und natürlich den Schulweg mit dem Bus von Kirchheim aus. „Später möchte ich nämlich bei Schlienz arbeiten und Bustouren organisieren“, erzählt der 15-Jährige. Vor zweieinhalb Jahren ist die Familie mit drei Kindern aus dem Heimatland geflohen. „Wir sind sehr glücklich hier sein zu dürfen“, sagt der Vater Kaan Gülhan. „Deutschland ist ein schönes, freies Land. Und Menschen mit Behinderung sind hier - manchmal fallen mir noch nicht die richtigen Worte ein - wertvoll. Das ist es.“

Tajana Rubcic hat kroatische Wurzeln und lebt ebenfalls in Kirchheim. Ihre jüngste Tochter Sophie hat frühkindlichen Autismus, kann nicht sprechen und manchmal, wenn ihr alles zu viel wird, schreit sie laut. „Wir haben von allen Seiten Unterstützung. Gerade habe ich von Sophies Schule in Nürtingen erfahren, dass sie im nächsten Schuljahr eine eigene Autisten-Klasse einrichten möchten, das wird der Sophie so gut tun.“ Vor vier Wochen ist die Familie in Kirchheim umgezogen und als erstes hat sich die Mutter bei allen Nachbarn vorgestellt: Sie seien die Neuen hier und die Sophie könne manchmal ein bisschen laut sein. „Machen Sie sich bloß keine Gedanken“, hätte eine ältere Dame im Haus gesagt und backt seitdem einmal in der Woche Kuchen für die neuen Nachbarn.

Ein anderer Vater mit Wurzeln im Kosovo hat einen neunjährigen Sohn mit einer geistigen Behinderung. Alles sei sehr gut hier, sagt er, nur die Zwei-Zimmer-Wohnung für vier Personen zu klein. Mutter, Vater und die zwei Söhne schlafen in einem Zimmer. Doch die Schulleiterin der Verbundschule in Dettingen, auf die der Sohn geht, hat Hilfe angeboten und sucht über die Stadt eine Wohnung in Weilheim. Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft überall? Oder sind diese Geschichten Zufall?

„Nein“, sagt Dr. Silva Demirci, Referentin für Migration und Behinderung der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Neuzuwanderer seien zwar zunächst schwieriger zu erreichen, aber sobald es Anschluss an Ämter, Kindergärten und Schulen gäbe, seien die allermeisten Menschen mit Behinderung hier wesentlich besser versorgt, als in ihren Herkunftsländern. „Deutschland zählt weltweit zu den führenden Ländern mit seinem Sozialsystem. Es gibt Länder in denen Menschen mit Behinderung versteckt werden, in Armut leben, ums Überleben kämpfen“, erzählt Demirci. Problem in Deutschland sei die nachhaltige Inklusion, die gesellschaftliche Teilhabe. „26 Prozent aller Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Doch in den Vereinen, auch der Lebenshilfe, sind sie kaum als Mitglieder und Mitarbeitende vertreten.“ Die Lebenshilfe sei eine Selbsthilfevereinigung, der Austausch der Betroffenen untereinander das ureigenste Ziel. „Und da müssen wir als Lebenshilfe dringend ran: Kultursensible Selbsthilfegruppen gründen und die Migranten in unsere Selbsthilfegruppen einladen.“

Die Lebenshilfe Kirchheim wird in diesem Jahr das neue Zentrum für Familie und Selbsthilfe im Steingau-Quartier eröffnen. Familien mit einem Angehörigen mit Behinderung können sich hier austauschen und niederschwellig an das Netzwerk der Lebenshilfe andocken. Dass kaum Menschen mit Migrationshintergrund bei der Lebenshilfe arbeiten, wolle man ändern, sagt auch Renate Baiker, Bereichsleiterin der Offenen Hilfen und verantwortlich für das Zentrum für Familie und Selbsthilfe. „Wir freuen uns sehr auf Menschen mit Migrationshintergrund, die sich hier einbringen möchten, übersetzen würden und ihre Erfahrungen an andere Eltern weitergeben“, sagt Baiker. Die Gülhans wären sofort dabei. „Ich würde so gern etwas an diese Stadt zurückgeben“, sagt Kaan Gülhan. Und Azize Gülhan lächelt. „Anderen helfen zu können, das wäre ein gutes Gefühl für mich.“

Weitere Infos gibt es bei Renate Baiker, erreichbar über die E-Mail-Adresse r.baiker@lebenshilfe-kirchheim.de oder die Nummer 0 70 21/9 70 66 30.

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