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Zerstörung und neues Leben sind kein Widerspruch

Wirtschaft In den Steinbrüchen in Lenningen und Erkenbrechtsweiler wird nicht nur Bau-material gewonnen, es soll künftig auch Strom produziert werden. Von Iris Häfner

Bernd Susset, Wolfgang Bauer, Thomas Beißwenger und Andreas Schwarz (von links) im Steinbruch in Lenningen. Auf der aufgeschütte
Bernd Susset, Wolfgang Bauer, Thomas Beißwenger und Andreas Schwarz (von links) im Steinbruch in Lenningen. Auf der aufgeschütteten Abbaufläche in Erkenbrechtsweiler könnte auf der Wiese eine Photovoltaikanlage entstehen. Stolz präsentiert der Steinbruchbesitzer einen der zwei neuen Radlader im XXL-Format. Es ist ein Diesel-Hybrid-Fahrzeug Fotos: Jean-Luc Jacques

Es ist eine eigene Welt, in die man abtaucht - im wahrsten Sinn des Wortes. Bis zu 80 Meter geht es im Steinbruch Moeck - zwischen Oberlenningen und Grabenstetten gelegen - von der Albkante in vier Etagen in die Tiefe. Die Kunden geben mit ihren Wünschen den Takt vor, der Sprengmeister erfüllt sie. Zu viel Gestein darf er dem Berg nicht auf einen Schlag abtrotzen, insbesondere an Regentagen. „Der Stein saugt sich mit Wasser voll, deshalb darf es nie zu viel Material sein“, sagt Toni Pranghofer, Betriebsleiter bei der Alfred Moeck KG in Lenningen. Es wird so viel Gestein herausgesprengt, wie für diesen Tag geordert ist. Dann rollen die großen Maschinen an. Ein Bagger mit einem Bohrer rückt den großen Brocken zu Leibe, damit sie der Vorbrecher weiterverarbeiten, sprich nochmals verkleinern kann. Was schon die entsprechende „Kleine“ hat, wird direkt auf die Kipper im XXL-Format geladen und zu der Zerkleinerungsmaschine transportiert.

Bei der Firma Moeck gibt es im Fuhrpark zwei neue Diesel-Hybrid-Modelle, die Radlader sind jeweils rund 500 PS stark. „Wir sparen damit etwa 42 Tonnen und so 60 Prozent Dieselkraftstoff ein“, erklärt Wolfgang Bauer, Geschäftsführer des Verbunds SVA - Schottervertrieb Vordere Alb -, und damit Herr über die Steinbrüche in Lenningen und Erkenbrechtsweiler. Andreas Schwarz, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag von Baden-Württemberg, besucht bei strahlendem Sonnenschein im Rahmen seiner „Sommertermine im Wahlkreis“ diese zwei Steinbrüche und informiert sich über die Sorgen und Nöte der Branche. Mit dabei sind auch Thomas Beißwenger, Hauptgeschäftsführer, und Geologe Dr. Bernd Susset vom Industrieverband Steine und Erden (iste) Baden-Württemberg mit Sitz in Ostfildern.

„Die Firma Moeck war einer der Pioniere in Sachen Recycling, bevor Klimaschutz und Ressourcenschonung heiß diskutiert wurden“, sagt Wolfgang Bauer. Die Steine seiner Firma werden in vielen Bereichen verwendet, unter anderem im Asphalt-, Beton- und Landschaftsbau, sogar als Futtermittel in der Landwirtschaft. Für die ICE-Neubaustrecke wurde beispielsweise das Rohmaterial für die Tübbingproduktion geliefert - und der Tunnelaushub in die Steinbrüche gebracht. „Bei uns kommt fast kein Lkw leer an oder fährt leer weg“, sagt Wolfgang Bauer, für den das Thema Recycling-Beton wichtig ist. Er will den Kunden alles aus einer Hand liefern: neues Material und recyceltes. Im Moeck-Steinbruch gibt es auch ein Putz- und Mörtelwerk, Abnehmer ist die Firma Knauf, die damit Rollputz herstellt.

Einen weiteren Geschäftszweig würde Wolfgang Bauer gerne auf dem Gelände seines Werks in Erkenbrechtsweiler einführen: eine Photovoltaikanlage auf dem renaturierten Areal des Steinbruch. Doch das Esslinger Landratsamt tut sich schwer damit, sie zu genehmigen, weil der Steinbruch in gleich mehreren Schutzgebieten liegt. „Die Anlage wäre nur vom Flugzeug zu sehen, überall verhindern Bäume die Sicht darauf - bis auf einen kleinen Bereich vom Burrenhof her, der aber in wenigen Jahren zugewachsen sein wird“, hofft Wolfgang Bauer auf Unterstützung von Andreas Schwarz. „Die Menschen im Ort kennen diesen Bereich nur eingezäunt“, sagt Roman Weiß, Bürgermeister in Erkenbrechtsweiler. Er macht sich für dieses Projekt stark. Die Fläche wirft für die Gemeinde keine Pacht ab, das könnte mit der Stromproduktion kompensiert werden. „Wir brauchen den Ökostrom, ohne ihn schaffen wir die Energiewende nicht. Die Fläche hier ist prädestiniert, man sieht sie von außen nicht“, erklärt er. Die Anlage würde mehr Strom produzieren, als der Betrieb benötigt, der Überschuss würde das Gemeindesäckel füllen.

Ein Steinbruch ist ein dynamischer Ort. Auf der einen Seite wird Stein abgebaut, auf der anderen der Raum wieder aufgefüllt. „Damit kommen wir zu Fauna und Flora. Der Uhu ist ein interessiertes Tier, er sitzt da, wo was los ist“, können Wolfgang Bauer und seine Mitarbeiter beobachten. Jochen Roeder ist Biologe bei iste und ist wegen der Pionierarten wie Gelbbauch- unke und Laubfrosch gegen eine komplette Renaturierung. Diese Arten sind vom Aussterben bedroht und fühlen sich in den Abbaustätten wohl. Über Jahrzehnte können sie sich auf kleinem Raum behaupten - wenn man sie lässt. Bei großen Pfützen kommt der Biologe ins Schwärmen und spricht von „sonnendurchfluteten Flachgewässern“. Tagsüber brummen die schweren Maschinen, nachts sind die Amphibien unterwegs, so kommt sich niemand in die Quere.

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