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Zu Fuß zum Wesentlichen finden

Jakobswege Pilgern entspricht dem Zeitgeist. Allerorten entstehen Jakobswege. Darüber freut sich ganz besonders Wegepate Rainer Hauenschild. Von Irene Strifler

Mit Pilgerstab und Jakobsmuschel macht sich Rainer Hauenschild auf den Weg.Foto: Markus Brändli
Mit Pilgerstab und Jakobsmuschel macht sich Rainer Hauenschild auf den Weg.Foto: Markus Brändli

Pilgern ist in: Allerorten trifft man auf das Symbol mit der Muschel, jeder hat Bekannte, die schon mal nach Santiago de Compostela gepilgert sind. Was steckt dahinter?

Rainer Hauenschild: Die einen pilgern nach Jerusalem, um Jesus zu suchen. Die anderen pilgern nach Rom, um den Papst zu treffen. Und Jakobswegpilger pilgern nach Santiago de Compostela, um den heiligen Ort von Jakobus zu besuchen.

Weswegen machen sich Menschen heute als Pilger auf?

Hauenschild: Wer sich heute auf den Pilgerweg begibt, ist oft auf der Suche nach Entschleunigung, Einfachheit und Selbstbestimmung. Auf dem historischen Pfad des Jakobus und in der freien Natur findet man als Pilger zurück zum Wesentlichen. Sich zu Fuß fortzubewegen und von der Muschel leiten zu lassen, ist für mich ein wichtiger Aspekt der Pilgerreise.

Handelt es sich um eine Modeerscheinung - schließlich ist das Pilgern auch im Mittelalter schon mal in Vergessenheit geraten?

Pilgern ist für mich ein langfris- tiger Trend und keine Mode­erscheinung. Pilger kommen aus unterschiedlichen Berufsgruppen, und es sind mittlerweile fast so viele Frauen wie Männer. Wie ich den sozialen Netzwerken entnehme, werden die Pilger immer jünger. Sehr oft nehme ich wahr, dass es Menschen sind zwischen 30 und 40 Jahren, die sich auf den Weg nach Santiago de Compostela machen. Einige der Pilger wünschen sich sogar einen Ausstieg auf Zeit und Distanz zum Alltag.

Sind Wandern und Pilgern eigentlich zwei verschiedene Paar Stiefel? Worin bestehen die entscheidenden Unterschiede?

Pilgern ist die etwas andere Art des Wanderns. Pilger wandern zwar auch, aber nicht nur. Pilger suchen auf der Pilgerreise heilige Orte auf. Was die Art der Fortbewegung angeht, besteht jedoch kein großer Unterschied zu den vielen Wandertouristen, die zwischen deutschen Mittelgebirgen und den Alpenpässen unterwegs sind.

Sind die Pilger eine verschworene Gemeinschaft oder eher Einzelgänger?

Pilger sind für mich überwiegend Einzelgänger, die auf ihrem Weg alles hinter sich lassen, um wieder zu sich zu finden. In den Unterkünften ist man dann aber doch eine verschworene Gemeinschaft.

Auch Sie selbst sind begeisterter Pilger. Was war Ihre bislang schönste Erfahrung?

Das war, als mir ein älterer Herr in Rottenburg am Neckar aus seinem Garten spontan zwei Tomaten geschenkt hat. Dann das Treffen einer sechsköpfigen Pilger­familie aus Wüstenrot, die ich in Plochingen getroffen habe. Nicht zu vergessen das Treffen mit Sabine und Rolf aus Hamburg, die den Jakobsweg von Plochingen nach Wurmlingen gepilgert sind.

Und Ihre aktuellen Pilger-Pläne?

Mein Zukunftsplan ist der Jakobsweg von Porto in Portugal an die heilige Stätte des Jakobus in Santiago de Compostela. Den Weg werde ich aber erst gehen, wenn sich die Corona-Lage entspannt hat. Bis dahin bepilgere ich sicher die eine oder andere Etappe des Jakobswegs ab Rottenburg am Neckar.

Was macht ein Wegepate?

Wegepate kann eigentlich jeder werden, der dazu bereit ist, sich um die Jakobswege zu kümmern. Kümmern heißt: schauen, dass die Wegezeichen in Ordnung und gut sichtbar sind. Wer Interesse hat, Wegepate zu werden, kann sich gerne an mich wenden, und ich werde dann den entsprechenden Kontakt herstellen.

Zur Person: Der Foto- und Videojournalist Rainer Hauendschild ist 53 Jahre jung, verheiratet und hat zwei Söhne. Seit sechs Jahren befasst er sich mit dem Thema Wanderjournalismus und den Wanderwegen in der Region. Seit 2020 betreut er als Wegepate den Jakobsweg von Plochingen nach Bodelshofen.

Los geht’s am Plochinger Rathaus: Mit dem Symbol der Muschel ist Rainer Hauenschild oft auf den Jakobswegen der Region unterwegs
Los geht’s am Plochinger Rathaus: Mit dem Symbol der Muschel ist Rainer Hauenschild oft auf den Jakobswegen der Region unterwegs, unter anderem beim Wegkreuz in Wernau auf dem kleinen Bild.Fotos: Markus Brändli
Los geht’s am Plochinger Rathaus: Mit dem Symbol der Muschel ist Rainer Hauenschild oft auf den Jakobswegen der Region unterwegs
Los geht’s am Plochinger Rathaus: Mit dem Symbol der Muschel ist Rainer Hauenschild oft auf den Jakobswegen der Region unterwegs, unter anderem beim Wegkreuz in Wernau auf dem kleinen Bild.Fotos: Markus Brändli
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