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Zwei Gegenstimmen für Kretschmann

Politik Der Ministerpräsident wird von den Grünen des Wahlkreises Nürtingen wieder zum Landtags-Kandidaten gewählt – Stephanie Reinhold ist mit deutlicher Mehrheit die Zweitkandidatin. Von Lutz Selle

Kretschmann bleibt die erste Wahl bei den Grünen. Stephanie Reinhold ist die Zweitkandidatin.
Kretschmann bleibt die erste Wahl bei den Grünen. Stephanie Reinhold ist die Zweitkandidatin.

Es wollte am Donnerstag niemand aus den Reihen der grünen Partei gegen Winfried Kretschmann als Erstkandidat antreten. Insofern musste sich der einzige Bewerber keine Sorgen um seine Wiederwahl als Kandidat für die nächste Landtagswahl machen. Auf 57 der 61 abgegebenen Stimmzettel stand „Ja“. Bei zwei Enthaltungen und zwei Gegenstimmen war der 72-Jährige somit nominiert.

Spannender wurde es bei den Ersatzkandidaten. Zur Wahl gestellt hatten sich der 38-jährige Matthias Gauger aus Esslingen und die 44-jährige Stephanie Reinhold aus Ostfildern. Von zu fortgeschrittener Stunde noch 59 abgegebenen Stimmen entfielen bei einer Enthaltung 40 auf die Kandidatin und 18 auf den Kandidaten.

In seiner Bewerbungsrede hatte Kretschmann zuvor einen Überblick über die „gewaltigen Aufgaben“ gegeben, die „in den nächsten Monaten und Jahren vor uns liegen“. Corona werde „nicht so schnell aus dem Alltag und dem politischen Bewusstsein verschwinden“. Das Virus sei noch da und die Gefahr noch immer dieselbe. „Das sehen wir gerade in den USA, in Brasilien, aber auch in Israel.“ Deutschland sei bisher „besser durch die Krise gekommen“ als die meisten Länder auf der Welt. „Wir können stolz auf unsere Gemeinschaftsleistung sein. Das disziplinierte Verhalten der Bürger war entscheidend. Im Elsass konnten wir hautnah erleben, wozu die Pandemie auch führen kann.“ Er habe Respekt vor der zweiten Welle. „Wenn sie kommt, müssen wir gut darauf vorbereitet sein.“

Eine „Welle von Insolvenzen“ habe durch „gigantische Rettungsschirme“ abgewendet werden können. „Aber wir sind noch nicht übern Berg.“

Die Fokussierung auf die Krise habe „andere Herausforderungen in den Hintergrund gedrängt“ wie den Klimawandel und die Digitalisierung. „Gegen die Klimakrise wird es keinen Impfstoff geben.“ Es gehe dabei nicht um Krisenmanagement, „sondern um eine grundlegende Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft“, so Kretschmann. Mit einem Verweis auf den besorgniserregenden Zustand der Wälder und die derzeit guten Bedingungen für den Borkenkäfer stellte er fest: „Der Klimawandel ist bei uns richtig angekommen.“

Kretschmann wies auch auf den „dramatischen Einbruch in der Automobilindustrie“ hin. Zwar sei die Kurzarbeit ein gutes Instrument. Dadurch werde aber auch das Bewusstsein verdeckt, „dass wir in einer schweren Rezession sind“. 80 Prozent der Wertschöpfung der Automobilindustrie seien die Zulieferer. „Und die Branche war schon vor der Krise in der Krise.“ Der Strukturwandel zu emissionsfreien Fahrzeugen müsse zügig fortgesetzt werden.

Gedanken macht sich der 72-Jährige auch um die Demokratie: „Sie steht unter schwerem Druck“, sagte er. „Die Randale in Stuttgart führt uns vor Augen, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft hochgradig gefährdet ist.“

Die digitale Revolution wiederum sei nur zu bewältigen, „wenn wir sie aktiv mitgestalten und nicht Silicon Valley und China“ überlassen. „Rezepte gibt es nicht. Aber die Zutaten kennen wir.“ Kretschmann forderte dazu auf, das Gemeinwohl zu stärken anstatt nur an den eigenen Vorteil zu denken. Man könne es auch nicht allen recht machen. Selbst den eigenen Anhängern müsse er mitunter „mal auf die Füße treten“.

Es gehe bei der nächsten Wahl darum, wer in den nächsten Jahren das Land führt, aber auch um das „wie“ und „wohin“. Die größte Herausforderung sei es, Baden-Württemberg klimaneutral zu machen. Es müsse auf jedem neuen Gebäude Platz für eine Solaranlage geben. Zudem müsse der Anteil der ökologischen Landwirtschaft erhöht werden.

Der Ministerpräsident forderte dazu auf, sich auf die republikanischen Tugenden zu besinnen - auf Gemeinsinn, Zusammenhalt und Verantwortungsbereitschaft. An der Demokratie könne sich jeder beteiligen. „Es ist nicht entscheidend, wo jemand herkommt, sondern dass er sich einbringt.“

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