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Zwischen Aggression und Akzeptanz

Pandemie Weil gerade in Bus und Bahn immer mehr Leute gegen die eingeführte Maskenpflicht verstoßen, wird jetzt vermehrt kontrolliert und die Mindestbußgelder werden erhöht. Von Matthäus Klemke

Freundliche Hinweisschilder, wie hier in der Buchhandlung Zimmermann, erinnern an die Maskenpflicht.
Freundliche Hinweisschilder, wie hier in der Buchhandlung Zimmermann, erinnern an die Maskenpflicht.

Donnerstagnachmittag am Zentralen Omnibusbahnhof in Nürtingen: Zahlreiche Leute warten an den Haltestellen. Einen Mundschutz tragen die wenigsten. Dabei gilt auch an Haltestellen und Bahnsteigen Maskenpflicht.

Eine junge Busfahrerin sitzt in ihrer Fahrerkabine hinter der Plexiglasscheibe und macht gerade Mittagspause. Auf die Frage angesprochen, ob sie mit vielen Fahrgästen über die Maskenpflicht diskutieren muss, rollt sie nur mit den Augen. „Die Leute diskutieren nicht, sie schreien.“ Täglich muss sie Leute an das Tragen eines Mundschutzes erinnern.

Auch während der Fahrt kommt es immer wieder zu Streitereien: „Die Fahrgäste geraten aneinander, weil manche die Maske runterziehen, sobald sie sich hinsetzen. Sie werden dann von anderen Leute auf ihr Verhalten angesprochen.“ Nicht nur einmal hat sie Maskenverweigerer aus dem Bus werfen müssen. „Zu Beginn der Maskenpflicht waren die Leute nicht so.“ Eine besorgniserregende Entwicklung, die auch Pia Scholz, Pressesprecherin beim Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS), bestätigt: „Wir haben bereits des Öfteren mitbekommen, dass die Aggressivität von Maskenverweigerern, die auf die Maskenpflicht hingewiesen werden, recht hoch ist und die Gewaltbereitschaft gegenüber dem Fahr- und Kontrollpersonal zunimmt.“

Scholz gibt aber zu bedenken, dass es sich bei den Masken-Muffeln nur um einen kleinen Teil der Fahrgäste handelt: „Die Akzeptanz in den Fahrzeugen ist sehr hoch, dort hält sich die überwiegende Zahl der Fahrgäste an die Maskenpflicht.“

Die Probleme kommen oft abends: „Zu später Stunde und bei Gruppen mit jüngeren Leuten lässt die Disziplin mitunter nach. Auch an den Haltestellen und Bahnsteigen, wo die Maskenpflicht ebenfalls gilt, sind immer wieder Menschen ohne Maske zu sehen“, sagt Scholz.

Da laut Sozialministerium immer mehr Fahrgäste gegen die Maskenpflicht verstoßen, wurden nun die Mindestbußgelder erhöht. Bei fehlendem Mund-Nasen-Schutz im ÖPNV konnte bislang ein Bußgeld zwischen 25 und 250 Euro verhängt werden. „Angesichts der zunehmenden Nachlässigkeit und bisweilen mutwilligen Disziplinlosigkeit wurde die Untergrenze des Bußgeldes nun deutlich erhöht“, so die Pressestelle des Sozialministeriums. Künftig werden mindestens 100 Euro fällig. Der maximale Betrag von 250 Euro hat Bestand.

Selbst Bußgelder verhängen dürfen die Busfahrer nicht. Sie dürfen die Fahrgäste nur auf die Maskenpflicht hinweisen. Doch in vielen Fällen versuchen die Fahrer, eine Konfrontation zu vermeiden, weiß Bianca Bader, Pressesprecherin bei Bader Reisen. Das Busunternehmen betreibt mehrere Linien in der Region: „Die Busfahrer verfolgen die Presse und bekommen die vielen Angriffe auf andere Busfahrer mit“, so Bader. Sie würde sich mehr Kontrollen durch die Ordnungsbehörden wünschen. „Unsere Kontrolleure schauen nach den Fahrkarten, nicht nach den Masken.“ Und da gibt es seit Corona besonders viel zu tun: „Es gibt viele, die glauben, sie können jetzt umsonst Bus fahren, weil man lange Zeit beim Fahrer keine Tickets kaufen konnte. Das stimmt natürlich so nicht.“

Auch das Polizeipräsidium Reutlingen stellt immer mehr Verstöße gegen die Maskenpflicht fest: „Es lässt sich sagen, dass aktuell eine zunehmende Nachlässigkeit im Umgang mit dem Abstandsgebot und dem Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung festzustellen ist“, sagt Polizeisprecher Martin Raff: „So kommt es zum Beispiel in regelmäßigen Abständen vor, dass Kollegen vom Polizeirevier Flughafen auf Fußstreife durch die Terminals einzelne Besucher oder Fluggäste feststellen, die keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen.“

Nun sollen die Kontrollen verschärft werden. „Es wird Kontrolltage geben, an denen die Polizei verstärkt in den Bussen kontrolliert“, so Clint Metzger, Pressesprecher der Stadt Nürtingen. Die Polizei habe der Stadt angeboten, die Kontrollen auch in Nürtingen zu machen. „Wir haben das Angebot angenommen. Die Kontrolltage wird es auch hier geben.“

Und wie sieht es mit der Maskenpflicht im Einzelhandel aus? „Tatsächlich ist der Diskussionsbedarf etwas gestiegen“, sagt ­Maren Wollschläger von der Buchhandlung Zimmermann. „Erst ges­tern hatten wir jemanden da, der angeblich ein ärztliches Attest dabeihatte, es uns aber nicht zeigen wollte.“ Mitarbeiter werden so in unnötig lange Diskussionen verwickelt. „Und mit Argumenten kommt man da nicht weiter, wenn jemand so begeistert von seiner eigenen Meinung ist“, sagt Wollschläger.

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