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Zwischen Gelassenheit und Frust

Verkehr An den Bahnhöfen sorgen ausgefallene Züge kaum für Ärger über die streikenden Lokführer. Vielmehr machen die Leute ihrer allgemeinen Unzufriedenheit mit der Deutschen Bahn Luft. Von Lena Bautze und Thomas Zapp

Viele Fahrgäste schauen dieser Tage auf leere Schienen. Jeder, der gerade nicht mit dem Zug fahren muss, sollte seine Reise vore
Viele Fahrgäste schauen dieser Tage auf leere Schienen. Jeder, der gerade nicht mit dem Zug fahren muss, sollte seine Reise vorerst verschieben. Am Kirchheimer Bahnhof fährt die S-Bahn noch - viele andere LInien fallen jedoch aus. Fotos: Markus Brändli

Weder Transparente noch Menschenansammlungen, sondern eine stehende S-Bahn - am Kirchheimer Bahnhof sieht es am Mittwochmorgen aus wie immer. Dass hier gestreikt wird, fällt einem erst auf, wenn man die auf Anzeigetafeln schaut: „Zug fällt aus“ steht fast in jeder zweiten Zeile.

Dominique Fleischmann kümmert sich seit 9 Uhr darum, die Unterführungen von Kaugummis und Graffiti zu befreien und bekommt das Bahnhofsgeschehen hautnah mit. „Man sieht, dass sich die Menschenmenge aufstaut, weil Züge ausfallen.“ Dass Menschen fluchend über den Bahnhof gehen, kann er nicht bestätigen. „Nur die Älteren sagen, dass es ,Scheiße‘ ist.“ Er berichtet, dass viele von ihnen nicht mitbekommen haben, dass gestreikt wird.

Zum Streik aufgerufen hat die Gewerkschaft der Lokführer. Der Streik geht noch bis morgen um 2 Uhr, die Deutsche Bahn empfiehlt ihren Kunden daher, bis einschließlich Freitag auf Fernreisen zu verzichten, wenn sie nicht notwendig sind. Rund ein Viertel ihrer Verbindungen hält die Bahn nach eigenen Angaben aufrecht.

Paula Rohr sieht den Streik am Kirchheimer Bahnhof ganz gelassen. „Ich kann nach der Arbeit auch mit dem Bus nach Hause fahren, oder Freunde holen mich ab“, sagt sie und steigt anschließend in die S-Bahn Richtung Herrenberg ein.

In der Bahnhofsbäckerei hat Verkäuferin Edina Yeferni vorgesorgt. „Ich hab etwas weniger belegte Brötchen vorbereitet, weil ich dachte, dass weniger los sein wird.“ Das war es dann auch tatsächlich, was aber auch an den Sommerferien und den fehlenden Schülern gelegen habe, sagt sie. Eine Kundin hat sich jedoch sehr über den Streik aufgeregt: „Sie fand es unmöglich, dass kleinere Züge betroffen sind und das noch während der Ferienzeit.“

Keinerlei Hinweis auf den Streik hat Jürgen Nothacker vorgefunden, als er die S-Bahn von Oberesslingen nach Bad Cannstatt nehmen wollte, um seine Frau im Krankenhaus zu besuchen. „Ich bin dann mit dem Fahrrad zum Hauptbahnhof in Esslingen gefahren“, erzählt er. Dort gibt es immerhin Durchsagen, dass Züge streikbedingt nur einmal stündlich fahren oder ganz ausfallen. Die Anzeigen für ausfallende Züge sind weiß hinterlegt und schnell zu erkennen.

Er habe sich extra eine Monatskarte gekauft, seit seine Frau im Krankenhaus liege. „Der Streik ärgert mich natürlich, aber auch nur, weil er mich betrifft“, gibt er zu. Als Arbeitnehmer habe er selbst öfter die Arbeit niedergelegt.

Die Falschen würden durch den Streik getroffen, sagt Daniel Richardt, bevor er am Esslinger Hauptbahnhof in die S-Bahn nach Kirchheim steigt. „Die Leute fahren nach dem Streik wieder mit der Bahn und kaufen sich wieder Tickets, das trifft die Bahn überhaupt nicht. Aber wenn Sie als Reisender eine Entschädigung haben wollen, ist das oft so kompliziert, dass Sie nichts bekommen. Die erstatten am Ende doch höchstens 25 Prozent“, sagt er. Immerhin hält sich seine Verspätung in Grenzen. „Aber wenn ich etwas länger beim Zahnarzt gesessen hätte, müsste ich jetzt eine Stunde warten.“ Die S 1 fährt wegen des Streiks nur im Stundentakt.

Nicht betroffen vom Streik ist Studentin Nina, die nach Vaihingen fährt. Und von dort mit ihrem Freund in den Urlaub - mit dem Auto. Ihre Freundin habe ein größeres Problem gehabt, erzählt sie. Die wollte nach Berlin und musste die Reise canceln. Nun habe sie eine Mitfahrgelegenheit über „Blabla-Car“ genutzt. Nina hält den Streik für kontraproduktiv: „Eigentlich sollen die Leute wegen der Umwelt doch auf die Bahn umsteigen. Aber hier wird nur gezeigt, dass die Bahn unzuverlässig ist.“ Das Auto ist für sie keine Alternative: Sie hat gar keins.

Ein „Vielfahrer“ aus Esslingen und Besitzer einer VVS-Dauerkarte geht mit Begleitung auf Radtour und musste wegen des Streiks die Tour schon einige Male umplanen. Die Wahl fiel schließlich auf Tübingen als Startpunkt. Der Streik ist für ihn aber nur Teil einer Serie von Unzulänglichkeiten: Verschmutzte Züge, schmutzige Bahnhöfe. Und am ersten Ferientag, als er mit Corona-Entschädigung die Dauerkarte für ganz Baden-Württemberg nutzen durfte, sei gleich der Zug ausgefallen. Allerdings ist das Auto trotzdem keine Alternative. „Stuttgart mit dem Auto ist die Hölle“, sagt er. Es ist 12.34, der Zug nach Tübingen fährt ein und ist damit auf die Minute pünktlich. Genügend Wagen für die Fahrradmitnahme gibt es auch. Der Vielfahrer staunt: „Wir sind happy“, sagt er und steigt mit Fahrrad und Begleiterin ein. Manch leidgeprüfter Bahnkunde wird offenbar bescheiden.

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