Opposition, große Koalition und die derzeitige „Ehe“ mit der FDP – Michael Hennrich hat in zehn Jahren als Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Nürtingen auf dem Berliner Parkett viele Facetten kennengelernt und wie er es selbst benennt: „dramatische Zeitenwenden“, durchlebt.
Anke KirSammer
Unterensingen. Der Irakkrieg, Afghanistan, Banken- und Staatsschuldenkrise sowie große Veränderungen in den sozialen Sicherungssystemen sind markante Themen der vergangenen zehn Jahre für Michael Hennrich. Prägend für seine Abgeordnetentätigkeit werde sicher die Finanz- und Staatsschuldenkrise sein. Seine Arbeit machte der Abgeordnete in der gestrigen Pressekonferenz in Unterensingen auch an Zahlen fest: Dazu gehören 1 300 Sitzungstage im Bundestag, 800 Flugstunden und 4 000 Besucher aus dem Wahlkreis, die er in Berlin begrüßen konnte. Im Wahlkreis sei unter anderem der Ausbau der B 313 wichtig gewesen, beim Flughafen habe er sich früh gegen die zweite Startbahn positioniert, die Messe sowie Stuttgart 21 befürwortet.
„Einst kranker Mann in Europa, steht Deutschland heute gut da und genießt im Ausland hohes Ansehen“, betont Michael Hennrich und wertet dies als größten politischen Erfolg der vergangenen Jahre. Als größten persönlichen Erfolg verbucht er sein maßgebliches Mitwirken als dienstältester Gesundheitsexperte in der Fraktion am Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG). „Da habe ich richtig was bewegt. Der Minister wird dafür gelobt, obwohl er das Gesetz eigentlich gar nicht wollte, aber das Fachpublikum weiß, wer was zu verantworten hat“, sagt der in Kirchheim wohnende Abgeordnete. Ohnehin fühlt er sich im „Haifischbecken“ Gesundheitspolitik wohl, plädiert aber für einen Paradigmenwechsel bei der Vergütung weg von der Krankenbehandlung hin zur Gesunderhaltung. Lobbyisten traut er nicht. „Ich glaube nur die Zahlen, die ich nachvollziehen kann.“
„Prägend für die heutige Politik ist eine extreme Schnelllebigkeit mit einem rasanten Auf- und Abstieg von Politikern“, hat Hennrich beobachtet. Er denkt dabei unter anderem an Friedrich Merz und Karl-Theodor zu Guttenberg. Typen mit Aura seien vom Aussterben bedroht.
Vom „glühenden Verfechter“ von schwarz-grün zum Befürworter einer großen Koalition hat sich Hennrich gewandelt: „Die kleinen Parteien haben nicht das große Ganze im Blick und sind nicht richtig um einen Ausgleich bemüht“, so der Vorwurf des CDU-Politikers an die Grünen und die FDP gleichermaßen. Er spricht denn auch nicht von einer Liebesheirat mit den Liberalen, wohingegen die große Koalition gute Arbeit geleistet und wichtige Weichenstellungen vorgenommen habe.
Der Kontakt zu Jugendlichen liegt Hennrich am Herzen. Dazu passt sein 14-tägiger ehrenamtlicher Einsatz beim Zeltlager des Kreisjugendrings. Unentgeltlich hat der 47-Jährige mitunter auch im Tafelladen, als Umzugshelfer bei der Diakonie oder Pflegeeinsätzen mit angepackt. Was Hennrich an seiner Arbeit schätzt ist die Vielfalt: „Ich sitze mit dem Emir von Katar am Tisch, und ein paar Stunden später bin ich bei einer Veranstaltung in Gutenberg.“ Die eher prekären Momente als Politiker hat er bei Auftritten im Wahlkreis erlebt: Die spontane Aufforderung, ein Grußwort zu sprechen, stresste anfangs genauso wie das Redemanuskript im Sakko für den falschen Vereinsabend. Gut nachvollziehen lässt sich auch, dass die erste Mostprämierung mit 50 Proben nicht ohne Wirkung blieb. „Ich habe mir vorgenommen, authentisch zu bleiben“, betont Hennrich. Deshalb zieht er bei sommerlicher Hitze wieder kurze Hosen an. – Dem Hinweis eines Unternehmers zum Trotz, dass sich das für einen Abgeordneten nicht geziemt.
