Kirchheim. Behutsam wird ein Püppchen ins Bett gelegt und zugedeckt. Ob der Platz am offenen Fenster ein gemütlicher Schlafplatz sein kann? Es sind nicht nur Kinder, die an Mitmachpuppenhäusern in der Ausstellung im Kornhaus ihren Spieltrieb wiederentdecken. Auch Männer gestandenen Alters fühlen sich angesprochen: So wird dem schlafenden Kind noch ein vorlesender Papa ans Bett gesetzt.
Neben den zwei Puppenhäusern, die mit Händen deutlich gekennzeichnet zum Spielen und Bemalen einladen, präsentiert das Kirchheimer Stadtmuseum 23 Exponate rund um das Thema Puppenhaus. Liebevoll eingerichtete mehrstöckige Häuser mit verschiedenen Räumen stehen neben Küchen und Stuben, aber auch Kaufläden und sogar ein Hutmacher-Laden und ein Pferdehof sind zu sehen.
Es handelt sich vornehmlich um gespendete Sammlungsgegenstände aus der Region Kirchheim. Das jüngste Exponat befindet sich erst seit gut anderthalb Wochen im Besitz des städtischen Museums, das damit über 80 Puppenhäuser für die Nachwelt bewahrt.
Für viele Menschen gehören Weihnachten und Puppenhäuser zusammen, so auch für Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. In ihrer Eröffnungsrede erinnerte sich die Rathauschefin vor rund 50 Zuhörern an ihre eigene Kindheit, als das Puppenhaus traditionell nur zum Fest aufgebaut wurde. Die Zeit von Weihnachten bis zum Abbau des Hauses schien ihr so unglaublich kurz. Noch wie heute ist ihr die Innenbeleuchtung gegenwärtig: eine an der Außenwand befestigte Batterie sorgte für den nötigen Strom.
Das Kornhaus greift in seiner diesjährigen Winterausstellung wieder eine Besonderheit der Spielzeuggeschichte auf. Stefanie Schwarzenbek, Leiterin des städtischen Museums, führte mit einem detailreichen Vortrag in die Geschichte der Puppenhäuser ein und zeigte Parallelen zur gesellschaftlichen Entwicklung auf.
Wer bei den Miniaturhaushalten bisher nur an Spielzeug dachte, der wird schnell eines Besseren belehrt. Ursprünglich waren sie reine Repräsentationsobjekte, die den Reichtum der Besitzer zur Schau stellen sollten. Einige solcher Exemplare sind auch im Kornhaus zu besichtigen: etwa ein Puppenhaus aus dem Jahre 1890. Hier tragen die männlichen Puppen Uniform und die Damen Korsagen, während sie sich auf pinkfarben bezogenen Sesseln zu fläzen scheinen. Durch das Zimmer läuft ein kleiner Porzellanhund und an der Wand hängen Porträts von Wilhelm I. und Wilhelm II. Die Ausstellungsstücke bilden das Leben der betuchten Gesellschaft zur damaligen Zeit gut ab und bleiben als stille Zeugnisse für die Nachwelt erhalten.
Das älteste Exponat in der Ausstellung, eine Puppenküche mit Rauchfang, stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurde wohl tatsächlich bespielt. Abnutzungsspuren bieten dafür genauso Hinweise wie die Einrichtung. Der ursprünglich gemauerte Ofen wurde später durch einen Standofen aus Metall ersetzt. Aufrüsten und umrüsten geschah bei Spielsachen häufig, auch weil sie über Generationen weitergegeben wurden.
Die Puppenstuben und Kaufläden waren neben Spiel- auch Anschauungsobjekte. So erhoffte man sich, den Kindern auf diese Weise die grundlegenden Prinzipien der Haushaltsführung näherzubringen: den Mädchen Ordnung und Sauberkeit, den Jungen kaufmännisches Geschick.
Liebe zum Detail kennt wohl keine Grenze. Bei der Betrachtung eines grünen Kaufladens von 1910 könnte man sich fast verlieren, so viel gibt es zu entdecken. Das Auge fällt auf eine bedruckte Miniaturtüte aus Papier, aber auch eine Balkenwaage und ein Telefon mit Handkurbel ziehen interessierte Blicke auf sich. Die beschrifteten Schubladen, Vorratsbehältnisse und dem Original nachempfundene Verpackungen faszinieren. Dass dieses Exponat in Teilen selbst gebaut und bemalt wurde, kann man sich nur noch schwer vorstellen. Puppenhäuser oder Kaufläden werden heute meist schon als Komplett-Set unter den Baum gelegt.
Die Ausstellung im Kornhaus ist noch bis zum 9. März zu sehen. An bestimmten Tagen werden öffentliche Sonntagsführungen angeboten. Für Kindergarten- und Grundschulgruppen gibt es gesonderte Führungen mit Bastelprogramm.