Kultusminister Stoch sprach vor Realschulrektoren in Bonlanden
Realschulen sollen sich öffnen

Ab dem Schuljahr 2014/15 werden Realschüler in Klasse 9 eine Hauptschulabschlussprüfung ablegen können. Außerdem soll das Angebot der zweiten Fremdsprache nach dem neuen Bildungsplan von Klasse 7 auf Klasse 6 vorgezogen werden, um die Durchlässigkeit zum Gymnasium zu verbessern. Das sind die beiden wesentlichen konkreten Neuerungen, die Kultusminister Andreas Stoch gestern in Bonlanden Realschulrektoren vorstellte.

Filderstadt. „Unser Bildungssystem muss sich in einer dynamischen Gesellschaft ständig verändern“, rief Stoch auch die Realschulen auf, sich auf diesen Wandel einzustellen. Bei den Schulleitern kam gut an, dass Stoch sich für individuelle Anpassungen der Realschulen an den Schülerrückgang, veränderte Schülerströme und soziale Umbrüche einsetzt. Allein der Schülerrückgang und die veränderte Schulwahl zwinge zu einem Wandel. Wechselte 1975 noch knapp die Hälfte der Schüler eines Jahrgangs an die Hauptschule, so waren es laut Stoch 2009 weniger als 25 und 2012 nur noch 16 Prozent.

Die Auswirkungen auf die Realschulen sind deutlich: 1975 gingen 20 Prozent auf die Realschule über, 2012 war dieser Wert fast doppelt so hoch. Nur 60 Prozent der Fünftklässler in Realschulen hatten zuletzt eine Empfehlung der Grundschule für diese Schulart, während 17 Prozent eigentlich fürs Gymnasium und 23 Prozent für die Werkrealschule empfohlen wurden. „Die berufliche Orientierung an den Realschulen muss noch verstärkt werden“, forderte Stoch.

Für die individuelle Förderung dieser stark unterschiedlichen Schülerschaft stellt das Land aktuell 2,2 Lehrerwochenstunden je Zug zur Verfügung. Mehr sei bisher nicht möglich gewesen, sagte der Minister, aber er kämpfe um eine bessere Ausstattung der Realschulen. Leicht sei das nicht, denn ein Haupt-/Werkrealschüler an einer Realschule koste weniger Geld als an einer Werkrealschule. Das sei noch ein Überbleibsel aus der Zeit vor dem Regierungswechsel 2011.

Angesichts dieser veränderten Schülerschaft strebe die Landesregierung ein Zwei-Säulen-Modell statt des dreigliedrigen Schulsystems an. „Das Ziel ist klar. Die Landesregierung will ein integrativeres Bildungssystem.“ Als zweite Säule soll neben dem Gymnasium eine Schulart mit differenzierenden pädagogischen Angeboten entstehen. Das gelinge nicht mehr mit einer äußeren Differenzierung wie bisher mit drei Schularten, sondern „durch eine innere Differenzierung im Klassenzimmer“. Einzelne Realschulen würden bereits seit Jahren mit kooperativen Lernsystemen arbeiten.

Wohin die Entwicklung der Realschule führt, lässt der Kultusminister offen. Ob diese neue Schulart als „Realschule Plus“, Gemeinschafts- oder Verbundschule geführt wird, sei ihm nicht wichtig. Die Antwort müsse jede Schule mit ihren eigenen Anforderungen und Gegebenheiten finden. Auch die gymnasiale Oberstufe sei für eine große Realschule eine attraktive Option. „Die Gemeinschaftsschule stellt nur ein Beispiel für diesen integrativen Bildungsweg dar.“ Allerdings scheinen sich die Realschulen zunehmend dafür zu öffnen: Für die erste Tranche der Starterschulen hatte sich keine Realschule beworben, für die aktuelle schon vier und für die dritte zum nächsten Schuljahr sind es 15 Realschulen. „Wir müssen die richtigen Wege möglichst bald finden“, betonte Stoch.

„Wir tun uns schwer damit, aus den Startlöchern zu kommen“, bekannte der Stuttgarter Rektor Kurt Pilsner. „Schließlich haben wir bisher erfolgreich gearbeitet.“ Überrascht zur Kenntnis nahm er Stochs Erkenntnis, die Realschule sei die am schlechtesten ausgestattete Schulart.