Weilheim. Wo ist ein Zauberreich zu entdecken? Diese Frage stellte der Poet Harry Fischer den Schülern der dritten Klasse der Grund- und Werkrealschule Weilheim. Unter dem Motto „Poesie für Kinder“ möchte der Schriftsteller Kinder an die
Angela Ruster
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oesie heranführen. Zu diesem Anlass war der Stuttgarter Lyriker zu Gast bei den Klassen drei und fünf der Grund- und Werkrealschule im Bildungszentrum Wühle in Weilheim, die in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Nürtingen die Idee umsetzte. Gemeinsam sollten die Schüler zusammen mit zehn Lehreranwärtern des Seminars eine andere Form des Unterrichts kennenlernen.
Verwirrte Gesichter blickten den fremden Mann an der Tafel an, als er die Drittklässler auf Arabisch begrüßte. Mit der fremden Sprache gewann Harry Fischer, bei dem es sich um den Fremden handelte, die Aufmerksamkeit der Schüler. Die nächste Überraschung folgte zugleich. Damit das Interesse der Kinder zu dem Thema geweckt wurde, nahm der Poet aus Stuttgart die Zuhörer mit auf eine Zeitreise. Geschichten über Philosophen aus dem antiken Griechenland veranschaulichten das Besondere an der Poesie: Sie ist ungreifbar und individuell. Schnell waren die Kinder von dem Fremden und seinen Erzählungen fasziniert.
„Poesie ist für mich rebellieren gegen die Vergesslichkeit“, erzählte Harry Fischer. „Ich hab immer alles vergessen, da habe ich angefangen, alles aufzuschreiben. Und schon hatte ich die ersten Gedichte.“ Denn Poesie steckt in allen Dingen, ist der Lyriker und Philosoph überzeugt.
Gebannt lauschten die Grundschüler den Versen. Verständnisvoll zeigte sich die Klasse drei ebenfalls. „Das Gedicht hört sich etwas seltsam an“, entschuldigte sich der Fremde zu Beginn eines Reims. Aufmunter
nd sprach ihm ein Junge zu: „Keine Sorge. Ich kann‘s gar nicht.“ Schritt für Schritt führte Harry Fischer die Schüler jedoch an die Poesie heran. Besonders Mitmach-Spiele und die direkte Beteiligung und Einbindung der einzelnen Kinder motivierten die jungen Dichter und Poeten. So gefiel den Kleinen besonders die Regentropfensprache, bei der mal sachte, mal mit Kraft auf den Tisch getrommelt wurde, um Regentropfen zu simulieren. Begeistert zeigte sich die Klasse auch bei den Gedichten. Harry Fischer trug dabei die Anfänge von Reimen vor und überließ es den Jung-Poeten, die Reime zu beenden. Langweiliger Frontalunterricht ohne Beteiligung der Schüler war gestern. Kaum stellte der Dichter eine Frage, schnellten die Arme der kleinen Reimemacher in die Höhe.
„Manche Gedichte sind wie Rätsel“, erzählte der Stuttgarter. „Wenn ihr die Rätsel löst, gibt es auch eine Belohnung für euch.“ Enthusiastisch machte sich die Klasse an des Rätsels Lösung. Während der „Vertretungslehrer“ die Gedichte vorlas, begannen die Drittklässler zu überlegen. Was könnte dahinter stecken? Mit viel Spaß brachte der Stuttgarter den Grundschülern die Interpretation von Gedichten näher. Gemeinsam diskutierten sie über die möglichen Bedeutungen der Gedichte.
Hinter der Aktion „Poesie für Kinder“ steckt aus der Sicht Harry Fischers jedoch mehr als reine Dichtkunst. „Ich möchte den Kindern eine andere Sicht auf die Dinge zeigen und ihnen Lust und Freude an der Sprache vermitteln“, sagt der Stuttgarter.
Die Begeisterung an der Sprache erweckte er ohne Zweifel. Als die Versemacher der nächsten Generation ihre eigenen Gedichte schreiben sollten, sprudelten die Ideen aus den Schülern nur so heraus. Die Themen reichten von Essen, Freunde und Hobbys hin zu Leben und Tod.
Die Drittklässler waren von der Stunde begeistert. „Das beste waren die Gedichte, die wir selber geschrieben haben“, meinte ein Junge. „Mir haben die Gedichte besser gefallen, die Herr Fischer gelesen hat“, sagte ein anderer. „Ich mag die Reime“, strahlte ein Mädchen. „Ich freu mich auf die Belohnung“, grinste ein vierter Schüler. Die Belohnung erhielten die Schüler am Ende der Stunde für ihr Engagement. Diese bestand aus einem Gedicht über einen Kieselstein und dazu passenden Kieselsteinen – einer davon essbar. „Damit ihr wisst, wie Poesie schmeckt“, erklärt Harry Fischer schmunzelnd. Zum Schluss fragte Harry Fischer die Kinder, wie sie nach den Erfahrungen dieser Doppelstunde die Frage „Wo ist ein Zauberreich zu entdecken?“ beantworten würden. „In der Fantasie“, antwortete ein Junge. „Im Märchen“, lautete eine weitere Antwort. Die letzte Antwort eines Schülers gefiel Harry Fischer besonders gut. Denn sie zeigt, dass sein Projekt „Poesie für Kinder“ zumindest einen teilweisen Erfolg hat. Ein Junge antwortete auf die Frage mit: „In der Poesie.“
Im Anschluss an die Stunde in der Grundschule besuchte der Dichter auch die Schüler der Klasse fünf.
Zur Erinnerung an den Tag und die selbst geschriebenen Gedichte sammelte Harry Fischer die Gedichte der Klassen drei und fünf, die nun für die Schüler zu einem gemeinsamen Gedichtband gebunden werden.
Mehr Informationen zum Projekt gibt es im Internet unter www.kinderpoesie.de.
