Kreis Esslingen. So mancher ambitionierte Radfahrer dürfte die Situation schon erlebt haben: Unter höchster Anstrengung strampelt er eine Steige hinauf, der Schweiß rinnt ihm nur so von der Stirn. Plötzlich überholt ihn eine ältere Dame – völlig entspannt und lässig, mit einem Lächeln im Gesicht. Den Radfahrer überkommen leise Zweifel. Doch dann schaut er genauer hin: Am Rad der Seniorin befindet sich ein kleiner, unscheinbarer Motor. Puh, denkt sich der Radler erleichtert.
Pedelecs (Pedal Electric Cycles) sieht man derzeit immer häufiger auf den Straßen und Radwegen. Die Räder gehören zu den Elektrofahrrädern, werden aber – im Gegensatz zu E-Bikes, die Geschwindigkeiten von bis zu 45 Stundenkilometern erreichen können – auch mit Muskelkraft betrieben (siehe Kasten unten). Ohne Treten gibt der Elektromotor eines Pedelecs also keine Leistung ab. Beliebt sind die Räder vor allem bei älteren Menschen, weshalb ihnen noch immer ein „Senioren-Image“ anhaftet. „Es sind hauptsächlich Leute ab 50, die Pedelecs nutzen“, hat Bernd Cremer vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), Kreisverband Esslingen, beobachtet, der in der Region rund um die Teck regelmäßig Radtouren organisiert. „Pedelecs sind
aber nicht nur für ältere Menschen geeignet, sondern auch für diejenigen mit körperlichen Einschränkungen. So können sie mobil bleiben“, fügt Bernd Cremer hinzu. Er hat jedoch festgestellt, dass sich das Elektrofahrrad derzeit mehr und mehr auch bei den Jüngeren durchsetzt. „Das ,Reha-Image‘ des Pedelecs verliert sich allmählich. Denn das Elektrofahrrad kann sehr nützlich sein – zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit“, weiß der 66-Jährige. So kommt man nicht – wie beim herkömmlichen Fahrradfahren – verschwitzt an, hat kein Parkplatzproblem und bewegt sich an der frischen Luft. Außerdem könne man mit dem Pedelec gemütlich zum Einkaufen fahren. „Und man kann seinen Aktionsradius erweitern.“
Doch hat es überhaupt etwas mit Sport zu tun, wenn man bequem mit dem Pedelec unterwegs ist? „Es ist ja nicht so, dass man sich nicht bewegt. Außerdem gibt es auch Mountainbikes als Pedelecs, mit denen man die Alb hochfahren kann“, sagt Rolf Gleitsmann von den Dettinger Radlersenioren. Für jemanden, der ungeübt ist oder körperlich eingeschränkt, sei es immer noch besser, mit dem Pedelec eine Runde zu drehen, als gar nicht aufs Rad zu steigen. Außerdem könne man selbst bestimmen, welche Leistung man bringt. Denn jedes Elektrofahrrad verfüge über unterschiedliche Stufen, über die man die gewünschte Unterstützung durch den Elektromotor einstellen kann. „So kann man sich an seine Leistungsgrenzen herantasten“, fügt Bernd Cremer hinzu.
Obwohl er und Rolf Gleitsmann auf die zahlreichen Vorteile eines Pedelecs verweisen, setzen sie selbst noch aufs „gewöhnliche“ Radfahren ohne Elektromotor. „Nach heutigem Standpunkt sehe ich das Radfahren von der sportlichen Seite. Und alle Strecken, die ich fahren will, schaffe ich noch problemlos“, verdeutlicht Rolf Gleitsmann. Bernd Cremer sieht das genauso: „Für mich ist es noch zu früh, denn ich brauche die sportliche Herausforderung.“ Bis in zehn Jahren allerdings könne die Situation ganz anders aussehen. „Ich habe mich mit dem Gedanken angefreundet, irgendwann auch ein Pedelec zu benutzen.“
Das Elektrofahrrad jedenfalls ist derzeit in aller Munde – und sorgt auch bei den Dettinger Radlersenioren für Gesprächsstoff, verrät der 72 Jahre alte Rolf Gleitsmann. Im Mai hatten die Radler deshalb zu einer Informationsveranstaltung nach Dettingen eingeladen, bei der die Besucher Elektroräder testen und darüber diskutieren konnten. „Bei den Radlersenioren gibt es unterschiedliche Meinungen zu den Pedelecs. Aber die meisten sagen, dass sie eine vernünftige Alternative zum normalen Fahrrad sind – eben dann, wenn es körperlich nicht mehr anders geht“, erklärt Rolf Gleitsmann. Von den 60 Mitgliedern der Radlersenioren nutzen derzeit drei ein Elektrofahrrad.
Nicht verschweigen möchten die beiden Experten allerdings auch die Nachteile von Elektrofahrrädern. „Bei der Anschaffung muss man tief in die Tasche greifen. Denn ein gutes Pedelec kostet mindestens 2 000 Euro“, sagt Rolf Gleitsmann. Hinzu kommen die Kosten für einen neuen Akku, der nach etwa 1 000-maligem Aufladen den Geist aufgibt und zwischen 500 und 800 Euro kostet, weiß Bernd Cremer. Ein weiterer Nachteil sei, dass ein Pedelec um einiges schwerer ist als ein normales Rad. Und nicht zuletzt berge das Elektrofahrrad auch eine gewisse Gefahr im Straßenverkehr. „Manche sind von der Geschwindigkeit überrascht und können sie nicht richtig einschätzen.“
Nichtsdestotrotz überwiegen für Bernd Cremer und Rolf Gleitsmann die Vorteile – und scheinbar auch für viele andere. Schließlich setzt sich der Trend Pedelec immer mehr durch. Erkannt hat das auch Bernhard Heilenmann vom gleichnamigen Fahrradgeschäft in Weilheim. Er hat deshalb in Kooperation mit dem „Stadtmarketing Weilheim“ 250 Gastronomen und Betriebe in den Kreisen Esslingen und Göppingen angeschrieben, um „ein flächendeckendes Versorgungssystem von Elektrofahrrad-Tankstellen“ anbieten zu können. Bei allen beteiligten Unternehmen – bis jetzt sind es 18 Gaststätten, Hotels und Bäckereien – können Pedelec-Fahrer ihre Akkus kostenlos aufladen. „Das Laden dauert, je nach Akkugröße, zwischen zwei und fünf Stunden“, informiert Bernhard Heilenmann. In dieser Zeit können sich die Radler in den Gaststätten stärken. „So kann man Gäste anziehen und damit auch den Tourismus in unserer Region ankurbeln“, betont Bernhard Heilenmann.
Das Aufladen eines Akkus koste insgesamt weniger als zehn Cent. Spezielle technische Voraussetzungen seien nicht vonnöten. „Man muss nichts umrüsten, eine Steckdose genügt.“ Gekennzeichnet sind die beteiligten Geschäfte mit einem Aufkleber, auf dem der Slogan zu lesen ist: „E-Biker willkommen. Wir laden Ihren E-Bike-Akku kostenlos auf.“
