Erzählkonzert mit Bertram Schattel und Schülern der Musikschule im Rahmen der Musiktage
Reise mit der Zeitmaschine

Kirchheim. Sie wäre schon praktisch, so eine Zeitmaschine. Musikschuldozent Betram Schattel sowie 13 Musikschüler nahmen eine solche, um ins Jahr 1900 zu reisen. Soeben findet in Paris die 13. Weltausstellung statt. Nicht nur dort wird 


Peter Dietrich

über die neueste Technik gestaunt. Auch das Staunen über den elf Jahre zuvor erbauten Eiffelturm ist noch ganz frisch.

Viele Maler, Bildhauer, Dichter und Musiker lebten damals in der Stadt an der Seine. Zu den Musikern gehörten im Jahr 1900 der 38-jährige Debussy, der 34-jährige Satie, der 25-jährige Ravel sowie der gerade einmal zehn Jahre alte Jacques Ibert. In den Cafés und Nachtclubs des Künstlerviertels Montparnasse begegneten sie sich immer mal wieder, doch waren alle Individualisten.

Vor allem Satie stellte Schattel als einen „wunderlichen Kauz“ vor. Weil er sich eine Zeit lang mit religiöser Mystik beschäftigte, bekam er den Spitznamen „Esoterik Satie“. Er gründete eine eigene Kirche, deren einziges Mitglied er war. Doch blieb er ein Leben lang bescheiden und genügsam. „Mach‘ es kurz“, riet er seinen Musikerkollegen. Vielleicht hat sich Ibert an diesen Rat erinnert, als er 1944 seine „Petite Suite“ mit 15 Bildern für Kinder komponierte: Tina Todorovic war jedenfalls mit ihrem „Tanz des Kutschers“ aus der „Petite Suite“ am Flügel sehr schnell durch.

Auch Debussy schrieb für Kinder, seinen im Jahr 1908 uraufgeführten Zyklus „Children’s Corner“ widmete er seiner dreijährigen Tochter Chouchou. Als Debussy selbst ein Kind war, waren seine Lehrer nicht nur zufrieden mit ihm. „Claude ist ein guter Schüler, intelligent, fleißig, aber ein wenig undiszipliniert und verwirrt, sollte mit mehr Sorgfalt üben“, schrieb sein Professor über den 14-Jährigen. Zwei Jahre später wurde dem Jungen beschieden, er übe jetzt „besser, weniger impulsiv als früher“. Wenn er sich vermehrt der Vernunft befleißige, könne er ein Künstler werden.

Auf seinem Weg zu diesem Ziel half ihm die russische Bahnlinienbesitzerin Madame von Meck, die ihn als 18-Jährigen als Klavierlehrer und Spielpartner anstellte. Frau von Meck unterstützte nicht nur Debussy, sondern unter anderem auch den Komponisten Peter Tschaikowsky. Debussy, lobte sie in einem Brief, sei „Pariser bis in die Fingerspitzen, geistreich wie kaum ein zweiter, er brilliert in Imitationen“. Er sei ein „charmanter Junge“.

Nach seiner Rückkehr nach Paris lehnt der Künstlervagabund Debussy ein ordentliches Leben mit Familie ab. Er verlässt die musikalische Romantik. „Auf dem Kahn“ aus seiner „Petite ­Suite des Jahres 1889, am Flügel gespielt von Jorina Hilser und Katja Schmidt, zeigte den für den französischen Impressionismus so typischen schwebenden Klang – Musik wie Farbtupfer, mit durch Wasser verwischenden Konturen. Debussy hat sich allerdings gegen das Etikett „Impressionismus“ gewehrt, denn es war abschätzig gemeint. Bewusst brach Debussy die Regeln, baute in seine Tanzsätze der „Petite Suite“ Taktwechsel von der Polka zum Walzer ein.

Paris war eine international geprägte Stadt, in Erik Saties „La Diva de l’Empire“, gespielt von Jule Rapp, war ein deutlicher amerikanischer Einfluss zu bemerken. Ravel wollte sich ebenso wenig anpassen wie Debussy, beschrieb sich selbst sogar als Anarchisten. Bis ins hohe Alter blieb er streitlustig. Bei der Weltpremiere seines Bolero rief eine Frau in den Applaus „Ein Verrückter!“ hinein. Ravel meinte lächelnd: „Das war die einzige, die es wirklich verstanden hat.“ Doch mit Toscaninis Interpretation seines Bolero war er nicht einig. „Ihr Tempo ist falsch, falsch, falsch“, stellte er den Meisterdirigenten zur Rede und verbot ihm weitere Aufführungen. Bevor er sich beim Erzählkonzert mit an den Flügel setzte, ließ Schattel das Pub­likum auf den Oberschenkeln den Rhythmus des Bolero klatschen – mit der Bitte, diesen die ganze Zeit durchzuhalten.

Nach einer Stunde endete die kurzweilige Zeitreise mit einer Serenade für Violoncello und Piano von Claude Debussy. Die Zeitreise koordinierte Erzählung und Musik ganz hervorragend. Sie brachte den Zuhörern vier Komponisten des Impressionismus wieder, von denen jeder sehr individuell war, die jedoch alle der gleichen Stadt und Epoche entstammten. So individuell auch einer sein will, er bleibt doch ein Kind seiner Zeit.