Der Kirchheimer Literaturbeirat hat einen Ausflug in die Schillerstadt Marbach unternommen
Reise zum „Schwäbischen Parnass“

Groß war das Interesse an einem Ausflug des Kirchheimer Literaturbeirats nach Marbach. Schließlich bietet die Stadt am Neckar mit dem Schiller-Nationalmuseum, dem Literaturmuseum der Moderne und dem Literaturarchiv einen literarischen Mittelpunkt, der seinesgleichen sucht.

Kirchheim. Empfangen wurde die Gruppe aus Kirchheim vom Leiter der „Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg“, Dr. Thomas Schmidt. Er erinnerte daran, dass seine Arbeitsstelle bei der Einrichtung des Literaturmuseums im Kirchheimer Max-Eyth-Haus beteiligt war. Dann gab er einen Überblick über die Geschichte des „Musenbergs“ in Marbach, des „Schwäbischen Parnass“, wie ihn der Gründungsdirektor des Museums, Bernhard Zeller, getauft hat.

Schiller gilt heute als Nationaldichter aus dem Schwäbischen. Dazu wurde er gemacht. Tatsache ist, dass er mit 23 Jahren aus dem Herzogtum Württemberg geflohen ist und sein weiteres Leben, von einem Besuch abgesehen, im damaligen „Ausland“ verbracht hat. Thomas Schmidt unterstrich, dass Schiller erst später zum Nationaldichter erhoben worden sei. Das sei ein Widerspruch in sich selbst. Als Nationalheld musste man damals von antifranzösischem Geist beseelt sein, und davon konnte bei Schiller keine Rede sein. Dieser Widerspruch ist konkret geworden in der Schillerstatue auf dem Musenberg, die aus dem Material erbeuteter französischer Kanonen gegossen ist.

Getragen von der nationalen Begeisterung fanden sich Sponsoren für den prächtigen Museumsbau, der stilistische Ähnlichkeiten mit dem Schloss Monrepos aufweist. 1955 wurde das Deutsche Literaturarchiv gegründet, 1972 bekam es ein eigenes Gebäude. Spätestens mit dem Erwerb des Cotta-Archivs 1961 gewann es nicht nur regionale, sondern gesamtdeutsche Bedeutung. Schließlich ist der Musenberg 2006 um das „Literaturmuseum der Moderne“ bereichert worden, das in einer Dauerausstellung Schätze aus dem 20. und 21. Jahrhundert zeigt.

Wer vor Jahren das „Nationalmuseum“ besucht hat, wird von den Änderungen überrascht sein. Thomas Schmidt gab im heutigen „Schillersaal“ Erläuterungen. Nach jahrelanger Schließung war das Gebäude 2009 zum 250. Geburtstag Schillers wiedereröffnet worden. Der frühere Ausstellungsraum ist jetzt der „Schillersaal“, ein repräsentativer Raum mit Reliefs an der Decke mit Motiven aus Schillerballaden. Die früheren Büroräume sind jetzt Ausstellungsräume.

Im Schillersaal wurde die Erinnerung an populäre Balladen Schillers aufgefrischt, dann ging es in die Dunkelheit der Ausstellungsräume. Im ersten Raum sind Schillers Bildnisse versammelt. Ein Porträt zeigt ihn entspannt, gelassen, ja heiter, ein anderes nachdenklich, den Kopf in die Hand gestützt. Diese beiden „Ur-Porträts“ fanden später noch viele Nachahmer. Der selbstbewusste Schiller saß bei seinem Heimatbesuch 1794 dem Bildhauer Johann Heinrich Dannecker Modell. Der idealisierte Schillerkopf hat für die Nachwelt das Bild von Schiller geprägt.

Sehr umfangreich und anschaulich waren die Ausführungen zu den Lebensstationen Schillers, dem „Lebensfaden“ im nächsten Raum. Besonders die Karlsschule wurde lebendig in ihrer Zwiespältigkeit. Sie war Zwangsanstalt, aber mit ihrem hervorragenden Niveau auch Trittstufe für begabte Jungen aus bürgerlichen Kreisen. Originaldokumente wie der Bittbrief Schillers an Herzog Carl Eugen, das Schreibverbot aufzuheben, legen Zeugnis davon ab. Der nächste Raum bietet einen Blick in die Werkstätten von Schiller und seinen Zeitgenossen. Da Schiller nach Fertigstellung eines Werks möglichst alle Vorarbeiten vernichtete, sind die ausgestellten Zeugnisse mit Streichungen und Verbesserungen eine Rarität. Dass auch Dichter mit Wasser kochen, belegt eine Latte von Reimwörtern, die sich Ludwig Uhland auf der Suche nach einem passenden Reimwort zurechtgelegt hat. Handfestes bietet die nächste Vitrinenreihe mit Schillers Kleidung und mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs. Mit seiner Körpergröße von 181 Zentimetern überragte er seine Zeitgenossen nicht nur geistig und benötigte entsprechende Kleidergrößen.

Das „Literaturmuseum der Moderne“, 2006 eröffnet, ist schon wegen seiner Architektur interessant und preisgekrönt. Mit seinem Säulenumlauf an antiker Tempelarchitektur orientiert, beschränkte sich „David Chipperfield Architects“ auf drei Materialien, auf Sichtbeton, Glas und Teakholz. Man schreitet auf breiter Treppe in den Musentempel hinab und kommt vor einen „Poesieautomaten“, der innerhalb von 40 Sekunden über einen Zufallsgenerator ein Gedicht produziert. Dieser Automat ist von Hans Magnus Enzensberger inspiriert, dem Chamäleon der modernen deutschen Literatur. Einstmals ganz und gar politischer Dichter, verkündete er den Tod der Literatur. Jetzt ist er bei elektronischen dadaistischen Spielereien gelandet.

Der große Ausstellungsraum erstrahlt im Glanz vieler kleiner Vitrinen. Hier sind in historischer Reihenfolge Dokumente der neuen und neuesten Zeit ausgestellt – doch ohne jede Erklärung in Wort und Bild. Deshalb war die Führung zu ausgewählten Vitrinen besonders willkommen. Man bekam gezeigt, dass auch schon Fontane mit Zeitungsschnipseln gearbeitet hat, nicht erst Döblin, oder dass Christa Wolf nach der Wende den „Sozialismus“ aus einem Briefentwurf gestrichen hat. Höhepunkt dieser Ausstellung ist zweifellos das Manuskript von Kafkas Romanfragment „Der Prozess“, für drei Millionen Euro erworben.

Die Teilnehmer der Ausfahrt hatten nachmittags noch die Möglichkeit individueller Gestaltung. So konnten sie in der unglaublichen Materialfülle des Literaturmuseums der Moderne weitere Entdeckungen machen und Erkenntnisse gewinnen. Unabdingbar ist aber dazu Hilfe, technisch vermittelt durch audiovisuelle Geräte, die die nötigen Informationen bei der jeweiligen Vitrine liefern. So kann man etwa Kafkas Romanbeginn hören, ihn mitlesen und dabei erläutert bekommen, warum Kafka Korrekturen vorgenommen hat.ust