Der Kunstmaler und Restaurator Lothar Bohring aus Ohmden arbeitet an Rückblick auf 50 Jahre Kunstschaffen
Retrospektive in Vorbereitung

Ohmden. Vor einer angedeuteten, sengend heißen afrikanischen Landschaft tritt die Silhouette eines athletischen Mannes heraus, die Faust geballt ob Ungerechtigkeit und Unterdrückung. „Es ist eine Metapher für das, was im nordafrikanischen und arabischen Raum passiert“, sagt Lothar Bohring dazu. Das gleiche Thema greift ein anderes, mit Kohle gezeichnetes Bild auf: Sechs Köpfe, die Münder zugebunden, spicken aus engen Röhren heraus. „Ich wollte damit die Unfreiheit des Wortes darstellen“, erklärt der Ohmdener. Inspiriert durch Aufenthalte am Bodensee, hatte der 78-Jährige gerade an einem Mann gearbeitet, der ins Wasser geht. „Doch dann ist Afrika dazwischen gekommen“, so der seit 1973 in der Trinkbachgemeinde lebende Kunstmaler und Restaurator. Von den Bildern im Fernsehen nicht mehr losgelassen, nahm er die politischen Umwälzungen in seinen künstlerischen Arbeiten auf.

Nach 50 Jahren Kunstschaffen, darunter eine Assistenz bei dem Maler Hans Hartung in Paris, arbeitet er derzeit auf eine Retrospektive hin, die in absehbarer Zeit erscheinen soll. In fünf Jahrzehnten hat Lothar Bohring manche Strömung miterlebt. „In den 60er-, 70er-Jahren herrschte in der Denkmalarchitektur der modernis­tische Wahn, alles zu glätten und weiß zu machen“, erinnert er sich. Seit den 80er-Jahren sei man jedoch so vernünftig gewesen, die Bauten wieder zurück in ihren Ursprung zu versetzen.

Seinen Lebensunterhalt verdient hat Lothar Bohring mit der Denkmalpflege. In über 60 Kirchen in ganz Baden-Württemberg restaurierte er im Auftrag der Landesdenkmalämter Wandmalereien, Altäre, Standbilder und andere Kunstwerke oder war gestalterisch tätig. Arbeiten in „Ave Maria“ in Deggingen gehören ebenso dazu wie in St. Michael in Schwäbisch Hall und in der Weilheimer Peterskirche – eine der großen Ausnahmen unter den gotischen Kirchen, die nicht dem Bildersturm nach der Reformation zum Opfer fielen.

Lothar Bohring blättert in Ordnern mit unzähligen Fotografien. Sie dokumentieren fein säuberlich, wie morbide oder – schlimmstenfalls mit weißer Farbe zugedeckt – er die Kunstwerke vor der Restaurierung vorfand. Daneben sind Bilder in brillanten Farben, Kopien von Statuen oder aufgearbeitete Altäre zu sehen – Ergebnisse von Lothar Bohrings Arbeit. Bei der Restaurierung von Ausstattungsstücken ist die Hauptaufgabe die Substanzsicherung, dazu gehört aber genauso vorab und nachher eine präzise Dokumentation, schriftlich und im Foto.

„Solche Dokumentationen fehlen bis ins späte 19., frühe 20. Jahrhundert fast ganz“, bedauert der Restaurator. Genau dadurch wurde sein Beruf immer wieder zur Herausforderung. Im Stuttgarter Wilhelma-Theater beispielsweise galt es, die Decke zu rekonstruieren. „Glücklicherweise wurden dazu in Ludwigsburg Planunterlagen gefunden. Sonst wäre es nicht möglich gewesen, den Auftrag zu erfüllen“, so Lothar Boh­ring.

Ein weiteres Aufgabengebiet ist das Freilegen und Konservieren his­torischer Wandmalereien, in der Regel vorreformatorische, meist bildhafte Erklärungen der Bibel. Der Höhepunkt einer Reihe solcher Aufträge war die Freilegung der zehn Gebote in der Strümpfelbacher Kirche, die laut gefundener Jahreszahl aus dem Jahr 1495 stammen.

Beim Stuttgarter Staatstheater hatte Lothar Bohring 1982 die Aufgabe, die Erstfassung von 1912, das heißt die Oberflächengestaltung in Farbigkeit, Material und Struktur in sämtlichen Architekturbereichen zu ermitteln. Das von Professor Max Littmann entworfene Gebäude war in den 1970er-Jahren im modernis­tischen Sinne verunstaltet worden. Anhand der Dokumentation von Lothar Bohring und seinem Team bekam das Große Haus wieder sein ursprüngliches Gesicht zurück.

Schloss Filseck, Schloss Solitude und das reich bebilderte alte Ulmer Rathaus sind weitere Profanbauten, an deren Restaurierung oder Rekons­truktion er beteiligt war. Eine Herausforderung waren auch Arbeiten am „Alten Haus“ in Kirchheim 1982/83, wo unter anderem aufwendig Putzgefache versetzt werden mussten. Lohn der Mühen ist beispielsweise der Erhalt des 2,50 Meter langen „wilden Mannes“, der innen über der Eingangstür prangt. „An all diesen Aufträgen haben hochqualifizierte Mitarbeiter mitgewirkt“, betont der Ohmdener. In der Plochinger Ottilienkapelle konnten auf Initiative des ehemaligen Bürgermeisters Eugen Beck von ehemals 30 Wandszenen – vorwiegend Szenen der Passion – sechs rekonstruiert und in ein neu konzipiertes Gestaltungskonzept eingebunden werden.

Kam dem Allrounder meist die Aufgabe zu, Originale vergangener Jahrhunderte zu restaurieren oder mit konservierenden Maßnahmen vor dem Verfall beziehungsweise dem Befall von Schädlingen zu retten, wie beispielsweise den berühmten spätgotischen Hochalter aus der Ulmer Schule in der Winnender Schlosskirche, so wurde an ihn nach Beendigung seiner restauratorischen Tätigkeit im Jahr 2000 immer wieder auch der Wunsch herangetragen, neue Kunstwerke zu schaffen. Dazu gehören im Stil des Barock gemalte Bilder eines Kreuzwegs in Neudorf bei Bayreuth und die Figur des Heiligen Konrad an der Degginger Wallfahrtskirche „Ave Maria“. „Es war schon etwas Besonderes, als fünf Kapuzinermönche in mein Atelier kamen, um die Entwürfe zu begutachten“, erzählt Lothar Bohring. Die Mönche entschieden sich letztlich für eine aus der Tür tretende Figur. Kleine Modelle des zum Heiligen erhobenen Pförtners können Besucher bei einem Streifzug durch das Atelier nach wie vor in Ohmden bewundern.

Silikat-Kreiden kommen in ganz Europa zum Einsatz

Seit Mitte der 1990er-Jahre hat sich Lothar Bohring ein weiteres Standbein geschaffen: „Auf dem Markt fehlte eine witterungsbeständige Kreide“, erklärt er. Das machte er sich zunutze, indem er eine weltweit neue, witterungsresistente Pas­tellkreide für mineralische Untergründe kreierte, für die er im Jahr 2000 ein Patent erhielt. Zusammen mit seinem Sohn vermarktet er die Silikat-Kreiden, die bei der Restaurierung von bekannten Gebäuden in ganz Europa zum Einsatz kommen, wie die Referenzliste beweist. Das Überwachen der Produktion, ein kurzfristig organisierter Flug nach Amsterdam für eine Beratung am Königlichen Palais beziehungsweise Vorträge in Bamberg oder an anderen Orten sorgen dafür, dass Lothar Bohring nach wie vor einen angefüllten Terminkalender hat.

Doch wenn es die Zeit erlaubt, geht er in sein Atelier, montiert eine Leinwand auf die Staffelei und greift zum Pinsel. Sei es, dass es ihn drängt, eine Vorstellung in ein Bild umzuwandeln oder dass die Form mit der Bewegung auf der Leinwand entsteht. Ob nach ein paar Stunden oder mehreren Monaten – fertig ist ein Werk für Lothar Bohring erst, wenn er bei seinem Anblick Zufriedenheit spürt. „Erst dann ist es gut.“