Rudolf Guckelsberger brillierte beim Auftaktabend mit Lew Tolstois legendärer „Kreuzersonate“
Rudolf Guckelsberger brillierte beim Auftaktabend mit Lew Tolstois legendärer „Kreuzersonate“

Kirchheim. Die schon zu Beginn der Lesung vorherrschende Stille schien sich zunehmend zu intensivieren. Die Konzentration auf die nach etwa einer Stunde eingespielte Beethoven-Sonate Nr. 9 für Klavier und Violine hätte größer nicht sein können.


Der losbrandende Applaus hatte dann etwas Befreiendes. Nach der Anspannung durch das tragische Geschehen galt es zunächst, sich noch auf ein eingespieltes Andante einzulassen, um dann aus der literarisch-musikalischen Reise in die ­Realität zurückfinden zu können.

Rudolf Guckelsberger ist Applaus gewöhnt. Bei seinem jüngsten Heimspiel in Kirchheim durfte der Rundfunkprofi und Literaturliebhaber wahre Ovationen entgegennehmen. Durch geschicktes „Eindampfen“ auf eine vertretbare Länge gebracht, servierte Rudolf Guckelsberger mit der „Kreuzersonate“ von Lew Tolstoi zweifellos kein leicht bekömmliches Häppchen bei der jüngsten literarischen Begegnung im Buchhaus Zimmermann.

Von Geschäftsführerin Sibylle Mockler als „weltliterarischer Rosenkrieg“ angekündigt, den sich Tolstoi mit seiner 16 Jahre jüngeren Ehefrau Sofia lieferte, sorgte der Auftakt­abend des Versuchs eines Gesamtkunstwerks zu Recht für sehr großes Interesse. Dank Starbesetzung war der Erfolg des damit relativ risikolos angegangenen „Experiments“ keine wirkliche Überraschung – das Ergebnis aber ein interessantes Geschenk, dessen „Fortsetzung“ Besucher und Gastgeber gleichermaßen ungeduldig herbeisehnen.

Lew Tolstois auch heute noch unter die Haut gehende Abrechnung mit sich und der geradezu unglaublichen Widersprüchlichkeit seines Lebens – vor allem aber auch mit „den Frauen“ und der heiligen Institution der Ehe – hatte tatsächlich einst „wie eine Bombe eingeschlagen“. Wie Sibylle Mockler in Erinnerung rief, war Tolstoi 1889 – als er nach sieben Fassungen seine „Kreuzersonate“ fertiggestellt hatte – bereits durch „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ berühmt. Weit über die Grenzen Russlands hinaus bekannt und zu raschem literarischem Ruhm gelangt, sorgte er mit seiner von Beethovens Sonate Nr. 9 für Klavier und Violine abgeleiteten „Kreuzersonate“ für einen veritablen literarischen Skandal, der seinesgleichen sucht.

Anlass der für Furore in den literarischen Salons sorgenden „geis­tigen Geburt“ war eine tiefe Lebenskrise, in die Tolstoi in den 1870er Jahren stürzte. Zuvor als ausgesprochen sinnenfreudiger Mensch bekannt, vertritt er nun eine Weltanschauung des absoluten Verzichts und wendet sich zum Religiösen hin.

Er ist gewillt, einer Kunst zu entsagen, die für ihn „nicht Ausdruck von Emotionen durch äußere Zeichen, Erzeugung gefälliger Gegenstände“ und zuletzt auch „nicht Genuss“ ist. Mit seiner heftige Kontroversen auslösenden „Kreuzersonate“ schafft er aber ein Meisterwerk, in dem Kunst weit mehr ist als „ein für das Leben und Streben nach Heil des einzelnen Menschen und der Menschheit unabdingbares Mittel der Verständigung“.

Rudolf Guckelsberger entfachte eindrucksvoll das Feuer dieser mitreißenden Erzählung über einen innerlich zerrissenen Ehemann, der rasend vor Eifersucht und zugleich voll erschreckender Distanz und innerer Kontrolle seine Frau tötet.

Auf der einen Seite finde sich in dieser Erzählung eine bis heute irritierende, radikale Gesellschaftskritik gepaart mit einem hohen idealisierten moralischen Anspruch, stellte Sibylle Mockler fest. Auf der anderen Seite spüre man „Tolstois literarische Kraft in diesem psychologisch subtil geschilderten Ehedrama, mit einem Wechselspiel aus Liebe und Hass, aus Eros und Leidenschaft, aus erotischer Anziehungskraft und Abstoßung“.

Lew Tolstois gekränkte und verletzte Frau brauchte Zeit, bis sie in der Lage war, zum literarischen Gegenschlag auszuholen. In ihrem 1892/1893 entstandenen Roman „Eine Frage der Schuld“, der erst lange nach ihrem Tod an die Öffentlichkeit gelangte, reagiert die intelligente und literarisch erfahrene Sofia Tolstaja auf die von ihrem Mann so schmerzhaften „Szenen einer Ehe“. Erst im Blick auf beide Novellen lassen sich die Dimensionen des hinter aufrecht erhaltenen Fassaden ausgetragenen Ehedramas erahnen.

Gelesen wird die Replik am heutigen Donnerstag um 20 Uhr von der im Kirchheimer Buchhaus Zimmermann ebenfalls immer wieder gern gesehenen und gehörten Schauspielerin Ulrike Götz.