Owen. Wenn ein Orgelkonzert mit Motiven aus der Meistersinger-Ouvertüre von Richard Wagner beginnt so wie am vergangenen Sonntag in der Marienkirche Owen, dann steckt wohl mehr dahinter als nur die Laune des genialen Improvisators Samuel Kummer. Der frühere Bezirkskantor und heutige Frauenkirchenorganist in Dresden beehrte die Owener Mühleisen-Orgel mit einem glanzvollen Konzert, das alle Dimensionen sprengte. Stehende Ovationen der Besuchermassen, fast zwei Stunden Dauer ohne Ermüdung, und Improvisationen zu Anfang, Mitt’ und Ende.
Richard Wagner stand für Dresden. Und für Owen? Die Melodie des Maientagliedes: „Geh aus mein Herz und suche Freud.“ So erklärte es Pfarrer Graf in seiner launigen Conférence. Kummer hatte die beiden Motive kunstvoll und amüsiert in seiner Improvisation miteinander verknüpft. Das können wir verstehen als Anerkennung der privaten Initiativen, die das Konzert überhaupt ermöglicht haben und des Engagements, das über den Anlass selbst weit hinausreicht.
Meistersinger und Meisterdichter (Paul Gerhard): Der erste Titel verführt zu beckmesserischer Kritik, der zweite zu hymnischer Würdigung. Samuel Kummer hat dieses Modell schon unnachahmlich vorexerziert: Messerscharfes analytisches Kalkül gepaart mit musikalischem Höhenflug: So muss es sein beim Orgelspiel, wenn es zwei Stunden lang spannend bleiben soll – sowohl beim Literaturspiel als auch in der Improvisation. Wo hat man das schon erlebt – Improvisation zwischen Bach und Mozart. Kummer kann sich das erlauben. Das macht ihm so schnell keiner nach. Vier ausgedehnte Stegreifstücke über Themenwünsche aus dem Publikum. Von „Wachet auf ruft uns die Stimme“ bis „Freude, schöner Götterfunken“. Jedes Mal in einer anderen Form: Concerto grosso mit ausgedehnten aber geschliffenen Ritornellen, dann ein Stück im Stil zwischen Kuhnau und Kummer angesiedelt und mit Wander-Cantus-firmus schließlich ein Perpetuum mobile in frühklassischer Manier und endlich eine Introduktion mit Riesencoda, in der sich Kummer als intimer Kenner der neunten Sinfonie von Beethoven auswies. Vor solchem Formbewusstsein, gepaart mit Spontaneität und nie nachlassendem Spielwitz, kann man nur voll Bewunderung den Hut ziehen.
Sollten sich aber Popfans, Avantgardisten oder gar Jazzfreaks in Kummers Kirche verirrt haben, dann wären sie fehl am Platz gewesen. Diese Klientel hätte der Organist letzten Sonntag in Owen überhaupt nicht bedient. Uns konnte es recht sein. Es war schon spannend genug, mitzuerleben wie sich selbst die Musik von Johann Sebastian Bach schwertat, mit den Sirenentönen der Kummerschen Fantasie mitzuhalten. Der Organist als sein eigener Konkurrent. Bei den drei Bach-Stücken hat er sich selbst etwas die Federn gerupft – auf höchstem Niveau natürlich, wie es in Owen noch nie zu erleben war. Entsprechend lustvoll hörten wir auch zu, wie sich manches charmant verhaspelte, anderes mit viel Tremolo etwas zu larmoyant zerfloss, und schließlich bei der Triosonate die schwerfälligen Sechzehn-Fuß-Pedaltöne mit dem Geschwindmarsch in den Manualen nicht so recht mithalten konnten. Weniger Speed wäre mehr gewesen. Eine Ausnahme gab es aber: Der zweite Triosatz war eine entrückte Insel der Seligen. Da stimmte einfach alles zusammen: Orgel, Raum, Musik und beseelter Spieler. Leider gab es anschließend noch mal eine wilde, verwegene Jagd mit Mozarts f-Moll-Fantasie. Bei allem Respekt für die fast übernatürliche Virtuosität Kummers: Die Musik war ursprünglich für einen Orgelautomaten in einem Mausoleum komponiert. Welcher Teufel muss den Kummer da geritten haben, ausgerechnet hier einen Husarenritt zu wagen?
Die Buße folgte auf dem Fuß: Felix Mendessohns „Thema mit Variationen“ spielte der zuvor wilde, ungestüme Virtuose so geschmeidig und innig, dass niemand in der Kirche sein konnte, der dem Organisten nicht gerne einen Heiligenschein zugedacht hätte. Eine Steigerung danach? Unvorstellbar! Und doch: Was Samuel Kummer mit „Prélude et Fugue sur le Nom d’Alain“ uns bot, war absolute Weltklasse. Selbst die Orgel schien dabei über sich selbst hinauszuwachsen. An die Mühleisen-Orgel nach Owen kann man die besten Organisten der Welt einladen. Sie werden ein Instrument vorfinden, das ihre musikalischen Visionen transportieren kann.
Die begeisterten Zuhörer dankten mit Standing Ovations. Das hat in Owen noch kein Organist erlebt. Sehr sympathisch und dramaturgisch instinktsicher wurde die überschäumende Begeisterung durch eine Zugabe über „der Mond ist aufgegangen“ beruhigt. Die Mondnacht vor der Kirchentür vermisste aber niemand, denn wir kamen von einer Sternstunde. Samuel Kummer wird im Dresdner Kirchentagstrubel das Owener Glück schnell vergessen. Für die vielen Konzertbesucher aber wird unvergesslich bleiben, dass sie einmal nicht zur Dresdner „Marienkirche“ pilgern mussten, um Samuel Kummer zu hören, sondern „nur“ zur Owener „Frauenkirche.“
