Land plant weiterhin den sechsspurigen Ausbau – Stadt hält das Vorhaben für unrealistisch
Sandkastenspiele für die B 10

An normalen Werktagen sind in Esslingen auf der B 10 mehr als 80 000 Fahrzeuge unterwegs. Die Strecke gehört damit zu den Verkehrsachsen in Baden-Württemberg, die am stärksten belastet sind. Selbst Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sieht wie schon seine Vorgänger von der CDU die Notwendigkeit, sie sechsspurig auszubauen. Im Esslinger Rathaus stoßen solche Pläne auf massive Bedenken.

Esslingen. Der Gegensatz könnte kaum größer sein: Auf der einen Seite mehr als bescheidene Bundesmittel für den Aus- und Neubau der Bundesstraßen, auf der anderen Seite überbordende Wünsche der Länder. Während Berlin den Etat noch weiter herunterfahren will ­– zuletzt waren es jährlich 230 Millionen Euro, künftig sollen es nur noch 110 Millionen Euro sein – fordern die Länder massive Investitionen. Das Land Baden-Württemberg macht unter der neuen Landesregierung keine Ausnahme. Für den neuen Verkehrswegeplan des Bundes, der jetzt für die Zeit von 2015 bis 2030 fortgeschrieben wird, meldet sie wieder 158 Vorhaben an. Die Chancen, dass eine größere Zahl davon in einem überschaubaren Zeitraum verwirklicht werden kann, stehen mit Blick auf die knappen Mittel schlecht. Daran würde auch eine Berücksichtigung im Verkehrswegeplan nichts ändern.

Dass das Land einen Ausbau der B 10 zwischen Esslingen und Plochingen im Auge hat – er würde nach früheren Kalkulationen mehr als 40 Millionen Euro kosten – sollte unter solchen Umständen nicht zu falschen Schlüssen führen. Eine nüchterne Betrachtung lässt für Illusionen über einen Baubeginn in einem überschaubaren Zeitraum keinen Platz.

Das Geheimnis des Verkehrsministeriums muss es unter solchen Voraussetzungen bleiben, warum es sich das Vorhaben weiterhin auf die Fahnen schreibt. Da drängt sich die Vermutung auf, es könnte sich um ein bloßes Sandkastenspiel handeln. Das gilt umso mehr, als der Ausbau im Esslinger Rathaus ohnehin mit sehr spitzen Fingern behandelt wird. Dort diskutiert man seit Jahren eifrig über Verkehrsfragen. Niemand kann sich aber daran erinnern, dass der Ausbau der B 10 einmal auf der Tagesordnung gestanden hat.

Wie Roland Karpentier mitteilt, räumt die Stadt dem Projekt keine ernsthaften Chancen ein, in absehbarer Zeit realisiert zu werden – ob es nun im Verkehrswegeplan auftauchen wird oder nicht. Unabhängig von der ungeklärten Finanzierung macht der Pressesprecher deutlich, dass die Verwaltung das Vorhaben als unrealistisch einstuft. „Wir können uns gar nicht erklären, wo die zusätzlichen Spuren entstehen sollen“, sagt er. Als Beispiel für unüberwindbare Probleme nennt er die historische Pliensaubrücke, deren Torbögen gar keinen Ausbau erlauben. Oder die beengten Verhältnisse zwischen der Lärmschutzwand im Stadtteil Sirnau auf der einen und dem Neckar auf der anderen Seite. Oder die Situation zwischen Eisberg und Neckar auf Höhe des Landratsamts.

Im Rathaus kann man sich nicht vorstellen, dass das Verkehrsministerium solche Fragen beantworten kann, wenn es sich mit den örtlichen Gegebenheiten genauer auseinan­dersetzen sollte. Das liegt auch an den Leitungen für die Fernwärme, die teilweise direkt neben der B 10 verlaufen. Sie müssten mit riesigem Aufwand verlegt werden, wenn der Bund die Fahrbahn erweitern sollte.

Aus Esslinger Sicht ist ein Ausbau der B 10 aber nicht nur unrealistisch, sondern auch unerwünscht. „Er würde mehr Verkehr anziehen“, sagt Karpentier voraus. Im Rathaus geht man davon aus, dass auf dieser Achse an Spitzentagen statt 88 000 Fahrzeugen künftig bis zu 110 000 gezählt würden. „Das hätte für Luft und Lärm erhebliche Folgen“, warnt der Pressesprecher. Sollten die Ausbaupläne verwirklicht werden, wäre eine Diskussion über Lärmschutz und andere Schritte unausweichlich. Wie eine befriedigende Antwort aussehen müsste, bleibt ein Rätsel.

Man darf gespannt sein, zu welchen Schlüssen die Verkehrsexperten in Stuttgart gelangen, wenn sie Mitte November die Dringlichkeit der 158 Vorhaben exakter bewerten. Mit einer Vorauswahl wollen sie Berlin die Entscheidung erleichtern, welche Vorhaben in Baden-Württemberg vorrangig verfolgt werden sollen. Unwahrscheinlich, dass der sechsspurige Ausbau der B 10 dazugehören wird. Wichtiger wäre es aus Esslinger Sicht, den Ausbau der Verkehrsknoten zu forcieren. Das gilt vor allem für den Bereich der B 10 und der Vogelsangbrücke, dessen Leistungsfähigkeit längst an Grenzen stößt. „Dort besteht akuter Handlungsbedarf“, sagt Karpentier. Zuständig ist in diesem Fall allerdings nicht der Bund, sondern das Land. Es bleibt ebenso gefordert wie in Berkheim, wo Festo kräftig investiert. Dort muss das Land sich zu seiner Verantwortung bekennen. Sandkastenspiele helfen da nicht weiter.