Dr. med. Ernst Bühler empfiehlt lebenslange Aktivität von Geist und Körper
Sarkopenie beginnt im Kopf

Dr. med. Ernst Bühler, Rehamediziner und Ärztlicher Leiter des Qualitätsmanagements der Kreiskliniken, empfiehlt Rentnern den „Unruhestand“. Körperliche Betätigung im Alter und ein wacher Geist beugen einem zunehmenden Muskelabbau, der Sarkopenie, vor.

Kirchheim. Nicht Demenz ist die häufigste Alterskrankheit, es ist die Sarkopenie, der mit fortschreitendem Alter einhergehende Muskelabbau. Zwischen dem 30. und 80. Lebensjahr verliert der Mensch ungefähr ein Drittel seiner Muskelmasse. „Ab dem 60. Lebensjahr werden jährlich etwa zwei Prozent der Muskelmasse des Menschen abgebaut“, sagt Dr. Bühler, Landessportarzt des Württembergischen Reha- und Behindertensportverbands und ärztlicher Leiter des Qualitätsmanagements der Kreiskliniken Esslingen. Das Muskelgewebe wird ersetzt durch Fettgewebe, weshalb sich die Sarkopenie zunächst nicht durch ein verringertes Gewicht feststellen lässt. Das Problem dabei: Ausgerechnet die schnellen Typ-2-Muskelfasern sind im Alter betroffen, die nötig sind, um das Gleichgewicht zu halten und Stürze abzufangen.

Warum aber wird ein Mensch früh gebrechlich, während es bei anderen zwanzig Jahre dauert? Dr. Bühler führt den Unterschied auf die regelmäßige körperliche Betätigung zurück. „Alles, was nicht geübt wird, wird abgebaut.“ Bei Menschen im Ruhestand verändert sich der Tagesablauf. Die körperlichen wie geistigen Anforderungen sind nicht mehr die Gleichen wie vor der Rente. Mangelernährung und krankheitsbedingte Bettruhe begüns­tigen die Sarkopenie. Deshalb ist für Dr. Bühler im Alter dreierlei wichtig: „Sich jeden Tag zu bewegen, sich gesund zu ernähren und soziale Kontakte zu pflegen.“ Zu den körperlicher Aktivitäten zählen Haus- und Gartenarbeit, Spazierengehen, Bergwandern, Walking, Tischtennis spielen, Gymnas­tik, Qi Gong, Radfahren oder Tanzen.

Schwindende Muskelkraft im Alter muss nicht sein. Die Muskulatur lässt sich auch mit 70 und darüber noch trainieren. Bühler, der vormals in der Esslinger Klinik den Geriatrischen Schwerpunkt aufbaute, rät zu einem moderaten Krafttraining, zum Beispiel in einem Sportverein oder einem Fitnessstudio. Dabei verweist der Fachmann auf eine Studie aus dem Jahre 1994 von israelischen Rehabilitationsmedizinern. Sie stellten fest, dass die Muskelkraft nach einem zehnwöchigen Krafttraining bei 100 im Durchschnitt 87-Jährigen um rund 100 Prozent an verschiedenen Muskeln anstieg. Nach Einnahme eines Protein-Drinks waren es sogar rund 140 Prozent. Insofern hält Dr. Bühler neben dem Training auch eine gesunde Ernährung für wichtig. „Ältere Menschen sollten genügend Eiweiß zu sich nehmen.“ Der Bedarf an Protein scheint im Alter erhöht, sodass vermutet wird, dass die Unterversorgung mit Protein ein wesentlicher Faktor für die Entstehung und das Fortschreiten der Sarkopenie ist.

Die Gebrechlichkeit eines Menschen kann man an der Muskelkraft messen. Doch Krafttraining allein reicht nicht aus, um der Gefahr von Stürzen vorzubeugen, sagt Dr. Bühler. Hier müssen Muskelkraft mit Beweglichkeit und Geschicklichkeit koordiniert, miteinander in Balance gebracht werden. „Das hängt auch mit dem Gehirn zusammen“, so der Ärztliche Leiter. Sturzvermeidung ist eine komplexe Tätigkeit des Gehirns, die sich nicht alleine im Sportstudio trainieren lässt. Das bedeutet, wer im Alter sein Hirn auf Trab hält, wirkt nicht nur der Entwicklung einer Demenz entgegen, sondern verbessert auch die Gangsicherheit. Etwa durch Tanzen, ein Ins­trument spielen oder im Chor singen.

Rund 80 Prozent der Bevölkerung sind nicht in einem Verein oder einer Gruppe organisiert und pflegen keine körperlichen Aktivitäten. Auch diese Menschen will man im Landkreis Esslingen gewinnen. Deshalb bauen die Pflegestützpunkte im Kreis zurzeit die Aktion B.U.S. auf – Bewegung, Unterhaltung, Spaß. Denn auch das gehört dazu und sollte schon früh vermittelt werden: Bewegung macht Spaß. „Wenn Eltern Kinder anleiten, zum Beispiel zur körperlichen Aktivität, entstehen im Gehirn eine Fülle von zusätzlichen Verbindungen, die ein Leben lang zur Verfügung stehen. Wird körperliche Betätigung schon früh als Spaß empfunden, so hält die Motivation dazu bis ins hohe Alter an“, verweist Dr. Bühler auf die Forschungsergebnisse des Ulmer Neurologen Dr. Dr. Manfred Spitzer.