Am morgigen Sonntag ist der Tag, an dem weltweit das Gedenken an „Sternenkinder“ begangen wird: Zur Erinnerung an ihre verstorbenen Kinder stellen Eltern eine brennende Kerze in ein Fenster, von 19 bis 20 Uhr Ortszeit.
Andreas Volz
Nach dem Motto „Ein Licht geht um die Welt“ sorgt diese Art des stillen Gedenkens dafür, dass über 24 Stunden hinweg in allen Erdteilen und in allen Zeitzonen hintereinander jeweils Lichter entzündet werden – für Kinder, die gar nicht oder eben nur viel zu kurz leben konnten. Als „Sternenkinder“ bezeichnen die meisten betroffenen Eltern Kinder, die tot zur Welt gekommen sind, aber auch Kinder, die während der Geburt gestorben sind oder kurz danach.
Ein Elternpaar aus dem Raum Kirchheim, das diesen Gedenktag am zweiten Sonntag im Dezember seit 2008 ganz bewusst begeht, hat seine Geschichte bislang schon zwei Mal im Teckboten erzählt – jeweils unter verschiedenen Aspekten. Das erste Mal haben Florian und Daniela S. ganz unmittelbar den ausgesprochen positiven Eindruck geschildert, den die Bestattungsfeier für totgeborene Kinder auf dem Alten Friedhof in Kirchheim kurz zuvor bei ihnen hinterlassen hatte.
Und sie erzählten von den Momenten, in denen sie Abschied von ihrer Tochter Laura nehmen mussten. Da war zum einen die Diagnose in der 20. Schwangerschaftswoche, bei der eine schwerste Mehrfachbehinderung festgestellt worden war. Da war zum anderen die Folge-Entscheidung, die Schwangerschaft vorzeitig zu beenden – vor allem um der Tochter viel Leid zu ersparen. Mit ausschlaggebend für die Entscheidung war auch die hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Kind die Schwangerschaft nicht überlebt hätte.
Drei Termine aus dem Jahr 2008 haben sich dem Elternpaar stark eingeprägt. Der erste Termin, den sie kannten, war der 9. November. Das war der errechnete Geburtstermin. Dieser Termin hat aber im Nachhinein die geringste Bedeutung, denn an welchem Tag Laura tatsächlich zur Welt gekommen wäre, lässt sich nicht feststellen. Viel wichtiger ist deshalb der 4. Juli: Das ist der Tag, an dem die Geburt künstlich herbeigeführt wurde und an dem Laura-Melina mit einer Größe von 31 Zentimetern und einem Gewicht von 480 Gramm tot zur Welt kam. Fast ebenso wichtig ist den Eltern aber der 24. Oktober: An diesem Tag trafen sie sich mit vielen anderen Eltern, die dasselbe Schicksal erlitten hatten, auf dem Alten Friedhof in Kirchheim. Alle Sternenkinder, die in den vergangenen zwölf Monaten zur Welt gekommen waren, wurden an diesem Tag gemeinsam in einem kleinen Sarg in einer kleinen Grube bestattet.
Bis heute ist der 24. Oktober ein Tag, an dem die Familie S. eine Kerze zum Gedenken anzündet. „Wenn es möglich ist, gehen wir an diesem Tag auch gemeinsam auf den Friedhof“, sagt Daniela S. Überhaupt besuchen sie das Grab häufig. Es war den Eltern schon vor fünf Jahren wichtig, dieses Grab zu haben. „Von Juli bis Oktober haben wir irgendwie weitergelebt“, erinnert sich Daniela S. nun. Aber das Begräbnis im Herbst sei ganz wichtig gewesen: „Das ist eine Art Abschluss. Man hat dann was, wo man hingehen und wo man Blumen hinbringen kann.“ Gut findet sie es, dass die Trauerfeiern mittlerweile zwei Mal im Jahr stattfinden. So ist die Zeitspanne zwischen dem Geburts- beziehungsweise Todestag und der Beerdigung kürzer. Zuvor konnte mitunter ein ganzes Jahr dazwischenliegen.
Das zweite Mal, als Florian und Daniela S. ihre Geschichte dem Teckboten erzählten, war zwei Jahre später. In der Zwischenzeit hatten sie einen Sohn bekommen und waren überglücklich. Der Junge hat das Leben der Eltern natürlich bereichert, aber auch gehörig umgekrempelt, so wie das alle Kinder tun. Eines aber hat er nicht getan: Er hat Laura nicht ersetzt. Das konnte und sollte er auch nicht tun. Allerdings hat er seinen Eltern doch noch ein ganz „normales“ Familienleben ermöglicht – obwohl die erste Schwangerschaft der jungen Mutter so ganz anders verlaufen war als erhofft.
Inzwischen hat sich noch ein weiterer Sohn zur Familie hinzugesellt. Er hat gerade das Laufen gelernt und hält somit die ganze Familie auf Trapp – einschließlich Katze. Für Daniela S. ist damit das Familienleben mehr als ausgefüllt, und trotzdem denkt sie jeden Tag an ihre Tochter Laura: „Für mich gehört sie einfach dazu.“ Unter normalen Umständen hätten die Eltern keine drei Kinder gehabt. „Wenn wir Laura hätten, dann gäbe es einen unserer beiden Jungs wohl nicht“, sagt die Mutter.
Sie hängt an ihren Jungs, wie jede andere Mutter auch. Doch obwohl sie sich durchaus gewünscht hätte, eine Tochter großziehen zu können, wäre auch diese Tochter kein Ersatz für Laura gewesen, betont sie. So sehr sie in Gedanken mit Laura lebt, so wenig bereut sie ihre einstige Entscheidung. Sie ist nach wie vor der festen Überzeugung, sich richtig entschieden zu haben – zum Wohle der Tochter. „Früher dachte ich immer: Abtreiben, das macht man nicht. Heute sehe ich das anders. Es gibt viele Gründe, warum man sich dafür entscheidet, vielleicht sogar entscheiden muss.“ Bisher habe sie auch nur einmal die Reaktion erlebt, dass jemand vorwurfsvoll gefragt hat: „Warum hast du das Kind nicht gekriegt?“ Ansonsten sei sie auf großes Verständnis gestoßen, wenn sie ihre Geschichte erzählt hat.
Schon 2008 hatten die Eltern nach Laura-Melina, ihrem Sternenkind, einen Stern benennen lassen. Inzwischen haben sie noch ein weiteres Dokument, auf dem der Name der Tochter verzeichnet ist: Vom zuständigen Standesamt haben sie eine Bescheinigung bekommen. Darauf sind Name, Vorname, Geburtstag, Geburtsort und die Namen der Eltern verzeichnet. Die Bescheinigung ist zwar nicht mit einer Geburtsurkunde zu vergleichen, und es lassen sich auch keine rechtlichen Ansprüche daraus ableiten.
Aber darum geht es auch gar nicht. Für Daniela S. ist die Bescheinigung ähnlich wichtig wie das Grab in Kirchheim: Sie hat etwas – beim Grab einen Ort, wo sie hingehen kann, und bei der Bescheinigung ein Papier, das sie in Händen halten kann. Ganz von allein bekommt man die Bescheinigung nicht. Man muss sie beantragen und braucht dafür auch ein Dokument, das die eigenen Angaben bestätigt. Bei Daniela S. beispielsweise war dieses Dokument eine Kopie des Mutterpasses.
Als sie die Bescheinigung schließlich erhalten hatte, wusste sie schon vor dem Öffnen des Briefumschlags, was drin sein muss. Trotzdem war es ein sehr emotionaler Moment: „Ich hab‘ es gelesen und bin in Tränen ausgebrochen. Ich hab‘ mich so gefreut.“ Sofort habe sie bei einer Freundin angerufen und gesagt: „Die Bescheinigung ist da, wir sind dadurch noch mal Eltern geworden.“ Die Freundin hat ähnlich reagiert und geantwortet: „Schön – jetzt gibt es Laura wirklich.“
Für Danielas Mann Florian ist die Geschichte ebenfalls sehr wichtig. Und auch ihn als Vater betrifft sie emotional, aber doch auf eine ganz andere Art als die Mutter. Auch diese Tatsache ist wichtig, denn es gibt bei der Trauer – ob es die Trauer um ein totgeborenes Kind ist, um den Ehepartner, die Eltern oder wen auch immer – kein „richtig“ oder „falsch“. Jeder muss für sich die richtige Art der Trauer finden, ohne sich von irgendjemandem dabei bevormunden zu lassen. Trotzdem war es auch in diesem Fall für Daniela S. wichtig, schon rechtzeitig zu erfahren, dass ihr Weg der Trauer nicht der einzig gangbare sein muss: „Meine Hebamme hat damals gleich zu mir gesagt: ,Wundere dich nicht, dein Mann wird anders damit umgehen‘.“ Und damit war das für sie auch in Ordnung. Sie hat sich nicht gewundert und hat ihrem Mann auch keine Vorwürfe gemacht, dass er sich „falsch“ verhalten würde.
Laura S. bleibt in ihrer Familie präsent. Eine Kopie der Standesamtsbescheinigung hängt neben der Urkunde über die Sternenbenennung an der Wand. Die Jungs bekommen eines Tages auch erklärt, wer genau diese Laura ist, die sie da auf dem Friedhof besuchen. Und die Kerze wird weiterhin an jedem zweiten Sonntag im Dezember eine Stunde lang in einem Fenster brennen – auf Jahre und Jahrzehnte hinaus.