Gertrud und Ernst Wohlfarth sind seit 70 Jahren verheiratet und feiern Gnadenhochzeit
Seltene Hochzeitsfeier im Bregenzer Wald

Lenningen. Sie haben immer noch Heimweh nach Plattenhardt. „63 Jahre haben wir dort gewohnt, und einen alten Baum kann man nicht verpflanzen“, sagt Ernst Wohlfarth und seine Frau Gertrud pflichtet ihm
 bei. Ihr fehlt vor allem die Großstadt: „Jede Woche bin ich zum Bummeln mit dem Bus nach Stuttgart gefahren – und immer mal wieder gemütlich im Café gesessen.“ Seit rund einem Jahr wohnen die beiden in der Seniorenwohnanlage Brunnensteige in Oberlenningen. Das 
Ehepaar ist in die Nähe seines Sohnes gezogen, der in Erkenbrechtsweiler lebt. Die Alb gefällt beiden, doch sie vermissen immer noch den Trubel, der auf den Fildern herrscht. „Von unserer Wohnung aus konnten wir den Flughafen sehen“, sagt Gertrud Wohlfarth.

Mit der Ruhe ist es am 24. Februar jedoch vorbei: An diesem Tag feiern Gertrud und Ernst Wohlfarth das seltene Fest der Gnadenhochzeit. Seit 70 Jahren sind die beiden ein Paar, sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Geheiratet haben die beiden mitten im Krieg 1942. Da gab es kriegsbedingt schon die ersten Brüche in der Biografie – und deshalb lernte Gertrud den Mann ihres Lebens kennen. „Er hat schon was hergemacht“, meint sie lachend. Geboren wurde sie 1919 in Weil am Rhein. Ihre Schneiderlehre musste Gertrud Wohlfarth jedoch abbrechen, weil sie samt ihrer Familie nach Radolfzell am Bodensee ausquartiert wurde. Dort fiel sie dem feschen Reiterstaffel-Polizisten auf. „Die hat mir halt gefallen und ich hab sie angesprochen“, sagt Ernst Wohlfarth mit einem spitzbübischen Blick auf seine Frau.

Die standesamtliche Trauung fand in Straßburg statt, wohin der Polizist versetzt worden war. „Kirchlich haben wir dann ein paar Tage später in meiner Heimat Ebingen geheiratet“, erzählt Ernst Wohlfarth, der dort 1915 geboren wurde. Einige Zeit konnte das junge Paar noch gemeinsam in Straßburg verbringen, doch dann wurde Ernst Wohlfarth ins Reiterregiment einberufen. Polen, Russland und die Ukraine waren seine Einsatzgebiete. „Zu der Zeit arbeitete ich in einem Modesalon – das war sehr schön“, hat Gertrud Wohlfarth trotz allem gute Erinnerungen an diese schwierige Zeit.

Der Kriegseinsatz verlief für den heute 97-Jährigen glimpflich. „Schon 1945 bin ich nach Plattenhardt versetzt worden. Dort war ich Postenführer“, erzählt er. Später hat er sich zur Autobahnpolizei gemeldet, wo er bis zu seiner Pensionierung 1975 arbeitete. Heute noch ist er bei den Weihnachtsfeiern ein gern gesehener Gast. „Ich bin da fast schon eine Sensation“, meint er kopfschüttelnd.

Die Tage in Oberlenningen verlaufen gleichmäßig. Auf ihren Fernseher wollen beide nicht verzichten – sie sind vielseitig interessiert, egal ob Talkshows, Politmagazine oder Naturfilme. Eines schauen die beiden aber nie: Krimis. Ernst Wohlfahrt spielt regelmäßig auf seiner Orgel deutsche Volkslieder, allerdings nicht täglich, denn dagegen hat seine Frau ihr Veto eingelegt. Sein Repertoire erweitert der rüstige Senior immer noch. So übt er gerade zwei Wilderer-Lieder aus Plattenhardt ein – die Noten dafür hat er von seinem Sohn bekommen.

Seit 64 Jahren fährt der Jubilar unfallfrei Auto. Auf diese Flexibilität würden beide nur ungern verzichten, denn sie fahren nicht nur zum Einkaufen oder Essen durch die Lande. „Man muss schauen, dass man in Bewegung bleibt. Wir fahren immer mal wieder auf die Alb, denn da ist es schön eben“, sagt Gertrud Wohlfarth. Das Ehepaar ist früher viel gewandert, vor allem in Südtirol, und hält so die Erinnerungen aufrecht.

Das Fest ihrer Gnadenhochzeit feiern die beiden zwar nicht in den Dolomiten, dafür in Sulzberg bei Oberreute mit Familie und Freunden. „Das kleine Bergdorf ist wunderschön, dort kommen wir schon lange hin“, freut sich Gertrud Wohlfarth auf die Reise. Und auch ihr Mann kommt ins Schwärmen: „Bei unserer eisernen Hochzeit hatten wir dort im Ochsen eine Musikkapelle. Damals haben wir keinen Tanz ausgelassen – das geht heute aber nicht mehr.“