Themenwoche: Rund ums Haus

Zwischenwelten zum Durchatmen und Abschalten

Das kühle Nass und das üppige Grün sorgen für ein angenehmes Kleinklima auf dem Dach. Durch die in den verschiedenen Höhenabstuf
Das kühle Nass und das üppige Grün sorgen für ein angenehmes Kleinklima auf dem Dach. Durch die in den verschiedenen Höhenabstufungen liegenden Parterres lassen sich die notwendigen Substrataufbauten für Gräser, Sträucher und kleine Bäumen realisieren - in diesem Dachgarten in Stuttgart, geplant und realisiert von den Landschaftsarchitekten frei raum concept sinz-beerstecher + böpple landschaftsarchitekten PartGmbB, Christian Böpple, Annette Sinz-Beerstecher, Stuttgart.Foto: Andreas Käpplinger

AKBW. Freiräume schaffen: ein Anliegen, das im wörtlichen wie im übertragenen Sinn derzeit aktueller ist als je zuvor. Sie dienen zum Durchatmen, Abschalten, Bewegen, die Natur erleben, Sonne Genießen und für zwanglose Kontakte. Guter Architektur kommt hier eine besondere Bedeutung zu, stellt sie doch die Bedürfnisse der Menschen und ihre Beziehungen untereinander in den Mittelpunkt - eine Qualität, die sich allerdings nicht in Quadratmetern messen lässt.

Im Zuge der Maßnahmen im Kampf gegen Corona gilt der „freie Raum“ um jeden Einzelnen und die Einhaltung der Abstandsregelungen als wesentlicher Erfolgsfaktor. Entsprechend spielt sich das Leben vieler Menschen vorrangig in den eigenen vier Wänden bzw. in der unmittelbaren Umgebung ab. Deren Gestaltung kommt eine umso größere Bedeutung zu, je eingeschränkter die persönlichen Bewegungsmöglichkeiten sind.

Glücklich kann sich in diesem Zusammenhang schätzen, wer als Ausgleich über einen privaten Außenbereich mit Balkon oder sogar Garten verfügt. An neuer Bedeutung gewinnen zudem öffentliche Freiräume in Form von Parks und Plätzen. Die Gestaltung dieser „Zwischenwelten“ ist für Architektinnen und Architekten, Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten ein wichtiges Kernthema. Denn Architektur endet nicht an der Hauswand, sondern prägt auch den Raum zwischen und außerhalb von Gebäuden. Dies sind die Schnittstellen der privaten und öffentlichen Bereiche mit ihren Übergangszonen zwischen Innen und Außen.

Wir erleben diese Orte dreidimensional. Ein wichtiges Element ist dabei der Boden - die einzige Fläche, über die ein direkter Körperkontakt des Menschen zu seiner Umgebung erfolgt. Die Art der verwendeten Materialien, ihre Oberfläche, Temperatur und Farbe sowie der Umgang mit Höhenunterschieden beeinflussen die Nutzbarkeit in erheblichem Maß. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer Kriterien für die Aufenthaltsqualität von Freiräumen. So sind deren Umfeld, Größe und Ausstattung von Bedeutung; die Höhe und Anordnung der Randbebauung sorgt je nach Tageszeit für Sonne oder Schatten, Licht oder Dunkelheit. Je nachdem, welche Lage und Ausrichtung ein Gebäude auf dem Grundstück hat, ändert sich dessen Bezug zur Umgebung, dessen Transparenz oder Abgeschlossenheit. Kontakte durch Ein- und Ausblicke lassen sich auch durch die Art der Begrenzungen und Fassaden mit ihren Fenster- und Türöffnungen fördern oder verhindern.

Die Bedürfnisse der Nutzer nach Offenheit oder Geborgenheit, nach Aktivität und Entspannung sind unterschiedlich. Sie richten sich nach den persönlichen Lebensumständen, den kulturellen Hintergründen und der jeweiligen Tagesform. In intensiven Gesprächen mit der Bauherrschaft arbeiten die Planerinnen und Planer klare Zielsetzungen heraus und bringen sie mit den räumlichen und finanziellen Rahmenbedingungen in Einklang.

Gestaltungsmöglichkeiten für die Zwischenwelten gibt es in großer Bandbreite. So bietet eine neben der Haustür vorgehaltene Fläche Platz für eine Sitzbank, von der aus sich ein zwangloses Gespräch mit den Nachbarn ergeben kann. Über eine ganz andere Qualität verfügt ein geschützter Balkon oder eine Terrasse als Ergebnis einer geschickten Gebäudeplanung: Sie halten böigen Wind und neugierige Blicke ab. Eine Überdachung schützt gegen Sonne und Regen; außerdem gestattet sie eine längere Nutzungszeit bis in den Abend und an kühleren Tagen. In der richtigen Höhe geplant kann eine Stützmauer Ablage, Sitzplatz und Wärmespeicher zugleich sein.

Gerade aufgrund der Einschränkungen in letzter Zeit ist vielen Menschen der Wert von Freiflächen im innerstädtischen Bereich als Sinnbild für urbanes Leben und als Freizeitfaktor stärker bewusst geworden. Doch schafft eine flexible, abwechslungsreiche Anlage mit verschiedenen Ruhe- und Bewegungsmöglichkeiten auch im privaten Bereich einen Mehrwert. Mit einer entsprechend ausgewählten Bepflanzung lässt sich darüber hinaus selbst bei kleinen Flächen Natur aus der Nähe erleben und ein Lebensraum für Insekten schaffen. Der Einbau moderner Leuchtmittel bringt Atmosphäre und Sicherheit ohne hohe Energiekosten.

Wenn Architektinnen und Architekten derartige Überlegungen bereits zu einem frühen Zeitpunkt in die Gebäudeplanung integrieren, ist der Gestaltungsspielraum meist am größten. Aber auch im Bestand bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, die Außenräume aufzuwerten oder an geänderte Lebensumstände anzupassen. Bauherrinnen und Bauherren, die hier über den eigenen Tellerrand - respektive die Haustür oder den Gartenzaun - hinausschauen, investieren in Lebensqualität für sich und andere. Ziel der Planung sind intelligente Freiraumkonzepte, die sowohl Angebote zur Kontaktaufnahme als auch individuelle Rückzugsmöglichkeiten schaffen: Damit jenseits von Mülltonnen und Fahrradabstellplätzen in den Zwischenwelten lebenswerte Aufenthaltsorte entstehen.

Geeignete Planerinnen und Planer finden sich unter www.akbw.de/planer-finden.html

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