Serie über Migrantenvereine – Russisch-deutscher Verein Mosaika und Türkisches Volkshaus (4)
Singen, Tanzen, Politik

Menschen aus 110 Nationen haben in Kirchheim eine neue Heimat gefunden. Wie schaffen sie den Spagat zwischen alter und neuer Heimat? Wo pflegen sie ihre Traditionen, wo verrichten sie ihr Gebet? Diesen Fragen geht der Teckbote in einer Serie nach. Der vierte Artikel widmet sich zwei ganz unterschiedlichen Kulturvereinen: dem russisch-deutschen Verein Mosaika und dem Türkischen Volkshaus.

Kirchheim. Eigentlich hat alles mit „Väterchen Frost“ begonnen. Der besucht an Weihnachten die russischen Kinder, und wer ein Gedicht aufsagen kann, ein Lied singt oder ein Tänzchen tanzt, bekommt das heiß ersehnte Geschenk. Auf diese schöne Tradition wollten auch die russlanddeutschen Aussiedler in Kirchheim nicht verzichten. „Eine Freundin hat mich vor zehn Jahren gefragt, ob nicht Väterchen Frost zu den Kindern kommen könnte“, erinnert sich Tatjana Bekker, die 1995 aus Russland ausgesiedelt ist. „Aber wir hatten ja nur ein Väterchen Frost. Und so viele Kinder. Der hätte mindestens ein halbes Jahr gebraucht, um alle abzuklappern“. Wenn Väterchen Frost nicht zu den Kindern kommen konnte, kamen die Kinder eben zu ihm. Aus jener ersten Weihnachtsaufführung, die Tatjana Bekker und ihre Mitstreiterinnen dafür organisierten, entstand später der russisch-deutsche Verein Mosaika.

Alles, was Mosaika tut, hat irgendetwas mit Musik zu tun. Das liegt hauptsächlich an Tatjana Bekker, die in Russland Musiklehrerin war und den Verein als Gründerin prägt. Seit fünf Jahren gibt es den russisch-deutschen Chor Melodia, in dem zwölf russischsprachige und sechs deutsche Sänger alles singen, was das russische Liedgut hergibt. Musikalisch geht es auch in der Romanzengruppe zu, die von Ritta Naymark geleitet wird. In der Kindergruppe wird der Nachwuchs geschult. Neben Singen steht auch das Theaterspielen auf dem Programm. Schließlich müssen die Kinder fit gemacht werden für die Theaterstücke, die jedes Jahr im Mehrgenerationenhaus Linde aufgeführt werden. Auch Gastspiele in Kindergärten gehören dazu. Die Stücke schreiben Tatjana Bekker und Marina Medvedkow, die in Sibirien Erzieherin war, selbst. Russische Vorlagen einfach zu übernehmen, kommt für sie nicht infrage. „Die Stücke sind alle für russische Kinder geschrieben. Wir haben hier aber russlanddeutsche Kinder, die die Sprache nicht so gut sprechen“, sagt Tatjana Bekker.

„Altes bewahren, Neues lernen“, das ist das Motto von Mosaika. Was bewahrt werden soll, ist die russische Sprache und Kultur. Die russlanddeutschen Kinder, die heute in der Kindergruppe singen, sind in Deutschland geboren. Die Sprache, die sie tagtäglich verwenden, ist die deutsche Sprache. „Die Eltern legen aber Wert darauf, dass die Kinder auch russisch sprechen“, sagt Tatjana Bekker.

Für die Gründerinnen des Vereins, die allesamt in Russland aufgewachsen sind, war das Deutsche neu und fremd – obwohl die meisten deutschstämmig sind. „Ein berühmter Dichter hat einmal gesagt: In einem fremden Sprachraum verliert man 80 Prozent seiner Persönlichkeit“, sagt Olga Steinbrenner. Dem kann sie nur zustimmen. „Wir haben uns hier verloren“, sagt sie. „Aber in diesem Verein finden wir uns wieder“. Russisch sprechen, alte Lieder singen, das hilft ihnen, ihre Identität in diesem Land zu wahren, das sie nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen hat. Marina Medvedkov ist gelernte Erzieherin, Tatjana Bekker Musiklehrerin, Olga Steinbrenner Lehrerin für Geografie. Keine von ihnen hat in Deutschland die Chance erhalten, in ihrem ursprünglichen Beruf zu arbeiten, obwohl zum Beispiel im Erzieherbereich große Personalnot herrscht. „Zuerst konnten wir die Sprache nicht gut genug. Und dann hieß es, wir sind zu alt“, sagt Marina Medvedkov. Die meisten haben stupide Jobs angenommen. Da ist die Vereinsarbeit umso wichtiger, weil sie einen Ausgleich schafft. „Ich mache gerne in der Kindergruppe mit. Das macht mir großen Spaß“, sagt Marina Medvedkov.

Die russlanddeutschen Frauen freuen sich auch darüber, dass mittlerweile einige Deutsche den Weg in den Verein gefunden haben. Eine von ihnen ist Irina von Cube. „Ich war einfach neugierig auf die russische Kultur und Sprache“, sagt sie. Eine deutsche Freundin nahm sie mit zur Melodia-Chorprobe. „Am Anfang dachte ich, so toll singe ich ja gar nicht. Aber dort geht es nicht so bierernst zu. Es macht einfach Spaß“. Das Mitsingen war allerdings gar nicht so einfach, weil Irina von Cube die kyrillischen Zeichen nicht kannte. Ihre Freundin half mit der Lautsprache aus. „Aber irgendwann dachte ich: Ich weiß gar nicht, was ich da überhaupt singe“. Sie suchte sich eine Russischlehrerin – und fand sie in Olga Steinbrenner, die Russin ist und mit ihrem deutschstämmigen Mann nach Deutschland aussiedelte. Von diesem Sprach-Tandem profitieren beide. Irina von Cube lernt russisch, und Olga Steinbrenner hat ihr Deutsch verbessert. „Schließlich musste ich die russische Grammatik auf Deutsch erklären“.

Ortswechsel. Was bei Mosaika die Musik ist, ist beim Verein „Türkisches Volkshaus“ die Politik. An den Wänden der Vereinsräume in der Alleenstraße hängt ein Plakat, das zum Protest gegen Neonazis aufruft. Auf einer Kommode schaut dem Besucher Che Guevara hinter Glas entgegen. „Links und internationalistisch“, das ist die Ausrichtung des Vereins. Mit dem Islam haben die Mitglieder des Volkshauses dagegen nichts am Hut.

Der Verein wurde 1994 in Kirchheim gegründet. Hasan Savas war damals noch nicht dabei, stieß aber zwei Jahre später dazu. Heute ist er für viele das Gesicht eines Vereins, der in Kirchheim bestens vernetzt ist – sei es mit der Stadt, dem Integrationsausschuss, dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) oder dem Club Bastion. Die Teilnahme am Haft- ond Hokafeschd oder an den Frauentagen ist für den Verein eine Selbstverständlichkeit. „Wir haben immer versucht, uns nach außen zu öffnen“, sagt Hasan Savas. „Dialog ist wichtig“.

Ein Blick ins Teckboten-Archiv zeigt, wie sich der Verein in den vergangenen Jahren politisch und kulturell engagiert hat. Mit Vortragsreihen über gesellschaftliche und politische Probleme, Podiumsdiskussionen über Ausländerwahlrecht und Ausländerfeindlichkeit, Lesungen und Kabarettveranstaltungen mit türkischen Autoren und Künstlern sowie Musikgruppen und Filmen hat der Verein das Leben in der Stadt bereichert. Seine Mitglieder beteiligen sich an der jährlichen 1. Mai-Demonstration, auch an der Ausstellung über Gastarbeiter, die 2005 im Kirchheimer Rathaus stattfand, haben sie mitgewirkt. Einmal im Jahr findet ein Kulturabend mit Lesungen, musikalischen Vorführungen und Tanz statt. Gemeinsam mit dem DGB informiert das Türkische Volkshaus Arbeitnehmer über aktuelle sozialpolitische und wirtschaftliche Themen.

Integration beginnt für Hasan Savas damit, dass man miteinander ins Gespräch kommt und sich wirklich kennenlernt. Er ist davon überzeugt, dass auf diese Weise viele Vorbehalte abgebaut werden könnten. „Uns ärgert, dass Ausländer häufig immer noch alle über einen Kamm geschoren werden“, sagt Hasan Savas. Er kennt die üblichen Vorurteile: „Für manche Menschen sind alle Jugendlichen kriminell und alle Muslime Terroristen“. Dass diese Vorurteile nicht aussterben, ist für ihn die Schuld einiger Politiker, die solche Ressentiments gezielt schüren. „Wenn die Republikaner auf ihr Plakat schreiben ‚Das Boot ist voll‘, dann ärgert mich das“, sagt er.