Kirchheim. „Skulptur für die Aufsicht“ ist eine Rauminstallation für vier Personen, die sich der Länge nach durch den Ausstellungsraum
des Kornhauses zieht. Durch Stellwände wird die Sicht in den jeweils nächsten Raum versperrt, sodass der Gang durch die Ausstellung an ein Labyrinth erinnert. Die einzelnen Bezirke der Installation sind durch grellbunte Wände oder Bodenbeläge in Rot, Weiß, Blau und Grün gekennzeichnet, aber auch die Farbe der Einrichtungsgegenstände ist jeweils darauf abgestimmt. Die farbigen Bereiche stellen modellhaft die Arbeitsplätze der vier Aufsichten dar, die auch sonst die Ausstellungen in der Städtischen Galerie bewachen. Während der Öffnungszeiten sind sie in ihren jeweiligen Kojen anzutreffen. Um den gesamten Raum überblicken zu können, hat ihnen die Künstlerin Martina Geiger-Gerlach einen sogenannten „Handbeobachter“ bereitgestellt, ein Überwachungsspiegel, wie man ihn aus dem Supermarkt kennt, befestigt an einem langen Stab, um über die Kojenwände hinwegblicken zu können.
„Die Grundausstattung der Kojen wird nach individuellen Farb- und Sitzwünschen des Galeriepersonals gestaltet“, erklärt die Künstlerin. „Die darin ausgestellten Exponate wurden in Absprache mit jedem Mitarbeiter aus meinem Werkbestand ausgewählt. Das Personal erhält die ausdrückliche Erlaubnis, während der Aufsichtstätigkeit auch eigene Arbeiten zu verrichten“.
Mit den Aufsichten Boris Gübele, Barbara Stierle, Herbert Attinger und Rosemarie Thoß hat die Künstlerin Martina Geiger-Gerlach die Ausstellung „umgesetzt“. In jeder Koje befinden sich Arbeiten der Künstlerin, meist Videos oder Fotos, die Aktionen und Projekte zeigen, die Geiger-Gerlach in den letzten Jahren an unterschiedlichen Orten durchgeführt hat und die sich mit verschiedenen Arbeitsbegriffen befassen.
Dadurch wird der Betrachter ständig mit unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen konfrontiert: einmal mit der Installation und Aufteilung des Ausstellungsraumes, mit den Kunstwerken von Geiger-Gerlach, aber auch mit dem Gestaltungswillen und dem Geschmacksbild der Aufsichtskräfte, die vom Sitzmöbel bis zu mitgebrachten Utensilien, die ihre Hobbys oder Alltagsbeschäftigungen repräsentieren, reichen.
Barbara Stierle wünschte sich endlich mal eine Einrichtung in Rot, einer Problemfarbe für jeden Gestalter oder Modeberater. Dazu wählte sie die Fotoarbeit „I´m not here“, auf der Martina Geiger-Gerlach mit Mütze vermummt und mit dem Plakat zu sehen ist, auf dem der Titel der Arbeit steht. Auf dem Foto demonstriert die Künstlerin alleine an ihrem Wohnort auf der Straße, da sie an einer Demonstration in N.Y.C. nicht persönlich teilnehmen konnte. Dieses „Demoset“ aus Plakat und Mütze von 2009 wird in Barbara Stierles roter Abteilung präsentiert. Es steht für eine Ersatzhandlung, eine Simultandemo, die im globalisierten Zeitalter an jeder Stelle der Welt stattfinden kann, weil sie über Medien ihre Öffentlichkeit finden kann.
Stierles Kollege Herbert Attinger prägt seinen Bereich mit der Farbe Weiß und mit Bodenlaminat. „Man muss doch sehen, wer reinkommt“, hatte er als pflichtbewusste und erfahrene Ausstellungsaufsicht bemerkt und somit den Platz direkt am Eingang und den Beobachtungsspiegel erhalten. Auch die künstlerische Arbeit in seiner Koje, eine große Fotografie, bezieht sich auf seine Kollegen im New Yorker MOMA, dem Museum of Modern Art. Martina Geiger-Gerlach hatte dort das Foto beim Aufbau der Ausstellung des amerikanischen Malers Brice Marden aufgenommen, auf dem eine Aufsicht mit dem Rücken zum Geschehen sitzt, und einige Aufbaukräfte eine unabsichtliche Performance aufzuführen scheinen, die an eine Theaterszene erinnert.
„Die Aufsichten distanzieren sich normalerweise von der Kunst“ sagt Martina Geiger-Gerlach. Aufsichten, Besucher, Kunstkenner oder die ausstellenden Künstler selbst bleiben normalerweise unter sich und haben ihre eigene Sicht auf die Arbeiten. Diese unterschiedlichen Perspektiven auf die ausgestellten Kunstwerke werden in dieser Installation miteinander verflochten und vermischen sich zu einem unübersichtlichen Konglomerat aus Betrachtung, Beteiligung, Beobachtung, Kontrolle und Gestaltung, durch das eine individuelle und ganzheitliche Betrachtung der Kunst, der Ausstellungs- und Arbeitssituation wieder möglich und notwendig wird.
