Kirchheim. Die pathosgeladene Kraft des Figürlichen wiederzuentdecken, die Suche nach einer sinnlichen Erklärung der Gegenwart und der eigenen gesellschaftlichen Identität zu führen – dies sind zentrale Werkgedanken des Bildhauers Dr. Ulrich Barnickel. In den Räumlichkeiten seiner Ötlinger Galerie „Kunst in der Praxis“ widmet Hausherr Dr. Thomas Kik dem Künstler derzeit eine repräsentative Einzelausstellung, die durch den Bundestagsabgeordneten Michael Hennrich eröffnet wurde.
Das für Barnickels Schaffen zentrale Feld der Metallskulptur, dessen Spektrum von der Miniatur bis zu übermannshohen Plastiken für den öffentlichen Raum reicht, steht dabei im Kontext mit großformatigen, ebenfalls figurativ gehaltenen Zeichnungen und Malereien. Zwischen Groteske und Heiterkeit pendelnd, den Gegensatz von Innen und Außen in der eigenen Form aufhebend, tragen die Figuren die Spuren ihres Entstehungsprozesses als Narben und Blessuren, sind Opfer und Akteure zugleich. Hier wird keine Mimesis zelebriert, vielmehr körperliche Metaphorik beschworen.
„Das Arbeiten gegen den Widerstand des Materials“, sagt Barnickel, „ergibt eine Abstraktion, die sich dem Bereich der bloßen Naturabbildung entzieht“. Diesem existenziellen Aufbrechen und permanenten Hinterfragen stehen frühe Arbeiten gegenüber, die in vollrunder Plastizität individualisierte Köpfe und Körper in völliger Unversehrtheit zeigen. Unweigerlich stößt der Besucher auf den Zyklus „Weg der Hoffnung“: maßstabsgetreue Kleinbronzen, deren überlebensgroße Pendants seit vergangenem Jahr auf dem ehemaligen Todesstreifen der innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen stehen. Die Wegstationen orientieren sich an Geschehen und Ikonografie des christlichen Kreuzwegs, thematisieren aber auch unabhängig von religiösen Lesarten Willkür und Unterdrückung, Mut, Hoffnung und Glaube als bestimmende Konstanten der Geschichte.
„Diese Skulpturen sind keine Abbilder“, erklärt Barnickel, „sondern Erinnerungen an das Eigentliche“. Der Betrachter kann zu einem Teil des Kunstwerks werden, ihm durch seine individuellen Erfahrungswerte einen zusätzlichen Gehalt verleihen. Nicht nur im Hinblick auf den „Weg der Hoffnung“ betont Barnickel die große Rolle der Emotionalität des Künstlers während des Schaffensprozesses, die im Verhalten zum Materialwiderstand und den resultierenden Arbeitsspuren dem Werk erst eine eigene Gestik vermittle.
Kalter Krieg und die deutsche Teilung sind auch in Ulrich Barnickels Biografie zu Lebensspuren geronnen. 1955 in Weimar geboren, verfolgte er den Ost-West-Konflikt von DDR-Seite aus, bis ihm 30 Jahre später ein Ausbürgerungsantrag die Übersiedlung nach Fulda ermöglichte. Zuvor hatte er eine Ausbildung zum Schmied absolviert, an die sich das Studium der Bildhauerei auf Burg Giebichenstein bei Halle an der Saale angeschlossen hatte.
Dem Metier der künstlerischen Metallbearbeitung geht Barnickel nicht allein in der physisch herausfordernden Praxis nach. Dem kulturhistorischen Gang von der angewandten Metallkunst zur Stahlplastik spürte er auch im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie nach, mit der er im Jahr 2007 an der Universität Weimar zum Doktor der Philosophie promovierte.
Die Ausstellung „Weg der Hoffnung“ mit Werken von Ulrich Barnickel ist noch bis Ende Juni in der Ötlinger Galerie „Kunst in der Praxis“ in der Stuttgarter Straße 145 zu sehen. Der Besuch ist nach Vereinbarung unter der Telefonnummer 0 70 21/ 64 90 möglich.
