Kreistag stimmt über „NT“ ab – Kirchheimer Parlamentarier für „ES“ an der Stoßstange
„So unnötig wie ein Kropf“

Die Kreistagsmitglieder aus Kirchheim und Umgebung, egal welcher Couleur, blicken nicht mit Bitterkeit im Herzen auf 1973 zurück, sondern wenden ihr Augenmerk auf dringlichere Probleme und lehnen deshalb fast unisono ein Altkennzeichen „NT“ ab. Im Kreistag soll am 13. Dezember darüber auf Antrag der Stadt Nürtingen und der Republikaner befunden werden.

Kirchheim. Es klingt nicht begeistert, was die Fraktionsvorsitzenden von den Freien Wählern, CDU, SPD, Grünen und Liberalen von sich geben. „Wir haben gegenwärtig andere Sorgen“, meint Alfred Bachofer, Fraktionschef der Freien Wähler. Und in der Tat. Zum gleichen Termin, am 13. Dezember, wird der Kreistag nicht nur den Haushalt mit einem Schuldenberg von 157 Millionen Euro beschließen, sondern auch über die Zukunft des Klinikstandorts Plochingen entscheiden. Deshalb ist die „NT“-Frage für den Vorsitzenden der Liberalen im Kreistagsrund, Ulrich Fehrlen, nichts anderes als „Unfug“. Etwas moderater drückt CDU-Vize Jörg Döpper aus Neuffen seine Meinung aus: „Ich halt‘ nicht so arg viel davon.“ Und auch SPD-Kreistagsfraktionschefin Sonja Spohn will „die Identität mit der Heimat“ nicht an einem Stück Blech an der Stoßstange festmachen. Außerdem weist sie auf den „erheblichen finanziellen Aufwand“ hin. „ES“ findet die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Marianne Erdrich-Sommer viel schöner. Kein Wunder, prangen damit doch die Initialen ihres Nachnamens auf ihrem Autokennzeichen.

„Es gibt wenige Dinge, die noch unwichtiger sind als die Frage, was auf dem Kennzeichen steht. Warum sollte man eine klare Kennzeichnung nach Landkreisen, die nach vier Jahrzehnten akzeptiert ist, ohne Not aufgeben?“, fragt sich der Kirchheimer Kreistags- und Landtagsabgeordnete Karl Zimmermann. Ähnlich argumentiert auch sein grüner Kollege aus der Teckstadt, Andreas Schwarz: „Verkehrsinfrastruktur und Umweltorientierung sind Aufgaben der Zukunft. Historische Kennzeichen sind nett, aber wir brauchen sie nicht.“

Das sieht Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer, FW, etwas anders. Er versteht den Nürtinger Oberbürgermeister Otmar Heirich, SPD, in seinem Ansinnen, das Image der Neckarstadt verbessern zu wollen, und meint diplomatisch: „Ich kann‘s nachvollziehen, dass Nürtingen den Antrag auf NT stellt. Wenn KIT für Kirchheim unter Teck zulässig gewesen wäre, hätten wir ja auch dafür gestimmt.“

Nichts von der „NT“-Auferstehung halten dagegen die Weilheimer, Owener und Lenninger Altbürgermeister und Kreisräte Hermann Bauer, Siegfried Roser, beide FW, und Gerhard Schneider, CDU. Während für Hermann Bauer Kennzeichen „eine ordnungspolitische Funktion“ haben – „man sollte das nicht wieder auflöchern“, ist für dessen Fraktionskollegen Siegfried Roser der Antrag schlicht „eine Kinderei und ein Schritt zurück“. „Das kann man bleiben lassen“, hält Gerhard Schneider „NT“ für „nicht erforderlich“.

Eingefleischte Kirchheimer wie Dr. Christoph Miller, FW, Marianne Gmelin, SPD, und Albert Kahle, FDP, können sich ohnehin kein „NT“ am fahrbaren Untersatz vorstellen. Und auch Helmut Kapp, CDU, hält‘s für einen „Quatsch“, lässt sich allerdings zu der Aussage erweichen: „Wenn‘s denn innigster Herzenswunsch der Nürtinger ist, geht die Welt auch nicht unter.“ Der Weilheimer Kreisrat Rainer Bauer, CDU, hat zwar einen alten Lanz-Bulldog, made in Aulendorf, mit Nürtinger Kennzeichen in der Scheuer, will aber dennoch nicht für „NT“ stimmen. Sein „ES“ beibehalten wird auch der Holzmadener Kreisrat Rainer Stephan, FDP. Allerdings fasst er dies nicht als Doktrin auf, „wenn Nürtingen NT will, hab‘ ich im Prinzip nichts dagegen. Die trauern halt immer noch a bissle“, versucht er die Beweggründe der Nürtinger zu verstehen. Die Dettinger Kreisrätin Bärbel Weihnacht, FW, gibt zu: „Ich bin gespalten, was die Wiedereinführung von NT anbelangt.“ Weil sie aber nach so langer Zeit ein „Durcheinander“ befürchtet, würde sie die Kennzeichnung lieber bei „ES“ belassen.

Die Kreisreform nicht infrage stellen wollen die Republikaner mit ihrem Haushaltsantrag, die Autobesitzer im Altkreis Nürtingen zwischen NT und ES wählen zu lassen. „Vielmehr soll das NT-Kennzeichen die Identifikation der Bürger mit ihrer engeren Heimat stärken“, begründet Ulrich Deuschle, Frontmann der Republikaner im Kreistag, deren Antrag. Außerdem sieht Deuschle in dem Kennzeichen des Altkreises ein Marketinginstrument für Nürtingen und die umliegenden Kommunen.